Das Kentern von Schiffen in unregelmässiger längslaufender See
INSTITUT FÜR SCHIFFBAU DER UNIVERSITÄT HAMBURG
Bericht Nr. 249
Das Kentern von Schiffen in
unregelmässi~er längslaufender See
von
Sigismund Kastner
Hamburg,
--.--
Dezember
1968
Vorliegende
Arbeit ist die ungekürzte
Fassung
einer von der Fakultät
für Maschinenwesen
Technischen
Hannover
Universität
der
genehmigten
Dissertation
_.~-
---
Druckfehler-Berichti~p;
3.38,40,49
Alle F werden durch Fn ersetzt
3.43 unten
1
Fn =- 2Kfo (statt
3.48
in Formel
3.47,48
n
3.29
Es fehlt das Wurzelzeichen bei (4.1.12):
Hn(t)
- fo)
Fo
(5.3.8):
:r:
_I'
=
N
~ V3np
. ~fp'.
sin
(Wpt
+ f.p)
IUHALTSVERZEICI-illIS
Seite
1
.
2.
2. 1
2.2
2.3
2.4
2.5
3.
3. 1
3.2
3.3
4.
4.1
4.2
5.
5.1
5.2
5.3
6.
6. 1
6.2
6.3
6.4
1
Übersicht
Der Einfluß des Seegangs auf die Kentersicherheit von Schiffen
Praktische Bedeutung
Bisherige Methoden
Aufgabe
Was ist Kentern?
Kentersicherheit
Berechnungsansatz
fUr das kenternde
5
7
6
10
Schiff
Systemtheorie und Stochastik
Spektrale Darstellung stochastischer
Bewegungsgleichung
Analyse
4
Größen
14
17
19
der Bewegungsgleichung
22
29
Aufrichtende Hebel
Stochastische Rollbewegung
Einfluß der Schiffsgeschwindigkeit
Transformierte Hebelspektren
Transformation der Bandbreite
Diskrete Darstellung der Spektren
36
44
46
Numerische. Lösungen
Warum Analogrechnen?
Normierung fUr den Analogrechner
Steuerschaltung am Analogrechner
statistische Lösungen
51
53
fUr
57
58
Genauigkeit
.--
Seite
7.
Ergebnisse
7.1
7.2
7.3
7.4
übersicht über die Rechenfälle
Kennzeichnende Kentervorgänge
Statistische Auswertung
61
65
68
7.5
ru ttlereKenterfahrzei
t bei verschiedenen
Parametern
Relative Häufigkeit von Rollwinkeln
73
78
8.
Zusammenfassung
80
9.
Bezeichnungen
85
10.
Schrifttum
88
11.
Anhang
95
12.
Bilderverzeichnis
und Bilder
96
- 1 -
1.
übersicht
=========
Dem Problem der Kentersicherheit von Schiffen gelten seit
mehr als hundert Jahren viele Bemühungen der Schiffbaukonstrukteure. Seit durch die Anwendung statistischer Methoden
zur Beschreibung der Unregelmäßigkeit
des Seegangs neue Wege zur Behandlung des Seegangsverhaltens von Schiffen erschlossen wurden, erscheint auch das Kentern eines Schiffes
durch Seegangseinwirkung
in ßinem anderen Licht. Am Schiff
entlanglaufende
Wellen bewirken
Änderungen
der aufrichten-
den Momente des Schiffes, mit denen oft eine Kentergef&~r
des Schiffes verbunden ist. Für unregelmäßigen Seegang sind
derartige Untersuchungen unter Einbeziehung des nichtlinearen Verlaufes der Hebelarmkurven eines Schiffes über dem
Neigungswinkel bisher nur experimentell durchgeführt worden. Es hat in den letzten Jahren nicht an Stimmen gefehlt,
diese als "Plöner Kenterversuche" bekanntgewordenen
Messun8en theoretisch stärker zu untermauern. Eine Methode zur
Berechn~~g und praktisch sinnvollen Durchführung statistischer Berechnungen des Rollverhaltens bei großen Neigungs\lirJtelnsoll in der vorliegenden Arbeit eingeführt werden.
Dabei konnte das bei der Durchführung der Kenterversuche
gewonnene anschauliche Bild der Kentervorgänge eine Hilfe
sein. Die Untersuchw~gen beschränken sich auf eine Fahrtrichtung des Schiffes in oder entgegen der Laufrichtung des
Seegangs.
In Kapitel 2 werden die bisher angewende/ten Methoden zur
Berücksichtigung des Seegangseinflusses
auf die Stabilität
von Schiffen kurz dargestellt. Nach einem Eingehen auf den
Begriff des "Kenterns"
scheinlichkeitsbegriff
wird die Kentersicherheit
eingeführt.
als Wahr-
Die Einführung der Begriffe der Stochastik und mathematisehen 'Statistik in Kapitel 3 ist Grundlage für eine mathematische Behandlung von Vorgängen, die dem Zufall unterwor-
-
2 -
fen sind. Die Darstellung des Schiffes im Seegang als ein
System mit Eingangs- und Ausgangssignal bzw. "Systemantwort"
entspricht der modernen statistischen Auffassung. Eine Aufgliederung des Schiffes im Seegang in zwei Teilsysteme dient
,
I
zur klaren Trennung der Aufgabe in Berechnung der Hebellinderungen in unregelmäßigen Seegang und in die Berechnung der
sich dabei einstellenden Rollwinkel des Schiffes.
In Kapitel 4 wird die Bewegungsgleichung für einen Freiheitsgrad näher untersucht. Für die zeitlich unregelmäßigen Schwankungen des aufrichtenden Momentes im Seegang wird ein mittleres normiertes Spektrum eingeführt. Die Abhängigkeit vom
Neigungswicl{el ist auf die Größe des Leistungsinhaltes des
I
Hebelspektrums
reduziert.
eine Log-Normal-Verteilung
Für die Form des Spektrums
wird
angenommen.
* Annahme, daß die ~ellen vom Schiff unbeeinfluß~ bleiben.
Gerechnet wird mit der*~roude-Krylowsche
Hypothese~ In
der Bewegungsgleichung
wird:eine überlineare Abhängigkeit
der Dämpfung vom Rollausschlag berticksichtißt.
Die Transformation der Spektren des Seegangs und" der aufrichtenden Hebel beim,fahrenden Schiff wird in K~pitel 5
unter Berücksichtigung
der Arbeit von S t.
D,e n i s
und Pie
r s 0 n
untersucht. Zur Synthese von stochastischen Zeitf~~ktionen für:die Hebeländerungen des aufrichtenden Momentes werden die Spektren
monische angenähert.
Zur numerisch€n
Programm
Lösung der :Bewegungsgleichung
und eine Steuerschaltung
entwickelt,
die in Kapitel
dazu ist ein digitales
Abi
c h t
für Kentern
durch diskrete
und
in regelmäßigen
ein
für den Analogrechner
I
6 beschrieben sind. Parallel
Programm
Z unke
werden
Har-
r
in Erweiterung
eines von
entwickelten PrograIT~s
Wellen für den unregelmäßigen
Ansatz ausgearbeitet worden. Das digitale Programm
zur Berechnung von Einzelfällen, zu PrUfrechnungen
dient
für den
-
Analogrechner
3-
und für eine zusammenhängende
Rechnung
über
einen längeren Zeitraum. Der Analogrechner besitzt den Vorzug der Zeitraffung, d.h. einer Verkürzung der Rechenzeit
gegenüber der Echtzeit des rollenden Schiffes.
In Kapitel 7 sind die numerischen Ergebnisse zusammengefaßt.
Neben der Betrachtung von einzelnen kennzeichnenden Kentervorgängen wird die statistische Auswertung der berechneten
Kenterfahrzei ten beschrieben. Die mittlere Kenter.:fahrzeit
als Parameter der Exponentialverteilung
wird fUr verschiedene Einflußgrößen diskutiert. Ein Beispiel zur Berechnung
der relativen Häufigkeit von Rollwinkeln wird gebracht.
Die Zusammenfassung in Kapitel 8 enthält eine knappe Darstellung der wesentlichen Punkte, die sich bei der Ausführung, dieser Arbeit ergaben und di~ fUr eine Weiterarbeit
wichtig
siI;ld.
_.
.------
-4 2. DerEinfluß des Seegangs auf die Kentersicherheit von
==============;=============~==~============~========
Schiffen
:;=======
2.1 Praktische
Bedeutung
Es ist Aufgabe deA Entwurfsingenieur~,
ein Schiff so zu
dimensionieren, daß es den während seines Betriebes auftretenden Anforderungen genügt. Zu dieser Aufgabe gehört es
auch, das Schiff seetüchtig und kentersicher zu mache~. Es
ist Aufgabe der Forschung, hierfür geeignete Berechnungsunterlagen und Methoden zu entwickeln.
Für das Problem
der Kenteraicherheit
auf Vorschlag von Wen
deI
von Seeschiffen
~74-7
wurde
der Weg verfolgt,
alle bei Fahrt des Schiffes 'wirksamen aufriohtenden und
krängenden Momente im einzelnen zu bereohnen und bilanzartig gegenüberzustellen.
Es aei hier auf den zusammenfassenden Vortrag von Wendel vor der Schiffbautechnischen
schaft im Jahre 1965 verwiesen ~79-7.
Gesell-
In der Bilanz kommt den Änderungen der aufrichtenden Momente im längsla.ufenden Seegang: besondere Bedeutung zu. Es ist
bekannt, daß Momentenschwankungen
im Seegang zu großen Rollamplituden bzw. zum Kentern eines Schiffes führen können.
Für unregelmäßigen Seegang konnten Kentervorgänge bisher
nicht berechnet werden. Um Aussagen über die Kentersicherheit machen
zu können und Kriterien
zu entwickel~,
ist aber
eine Kenntnis der zu erwarte:nden Bewegungsvorgänge
eines
Schiffes bei großen Rollamp1ituden erforderlich. Gerade für
die Vielzahl von neuen Schiffstypen, die jetzt u~d sicher
auch in Zukunft entwickelt werden, ist es zunächst erwünscht,
Berechnungsmöglichkeiten
zu besitzen. Dazu soll mit folgender Arbeit
ein Beitrag
geliefert
werden.
-
2.2 Bisherige
5-
Methoden
In historischer Folge kann für dieStabilitätabeurteilung
eines Schiffes etwa folgende Einteilung gelten:
1. Man baute seettichtige und kentersichere
Erfahrung: "trial and error"-Hethode.
Schiffe
2. Eine bestimmte Lage des Gewichtsschwerpuructes
nach vmrde beachtet.
nur nach
der Höhe
3. Der Freibord und die Hebelkurve für Glattwasser
berücksichtigt
("Captain" und "Monarch" 1870).
wurden
4. Stabilitätskriterien
anhand der Hebelkurve für Glattwasaer, wobei der Seegangseinfluß ohne nähere Kenntnis pauschal mit einbezogen ist. Dazu gehören verschiedene Versuche, durch das Integral der aufrichtenden Hebel über
den Rollwinkel dynamische Einflüsse zu erfass~n; sie sind
heute Bestandteil verschiedener nationaler Stabilitätsvorschriften bzw. b~pfehlungen ~45-7.
Stellve~tretend
für diese Methode nennen wir das Rahola-Kriterium
1939
/:,62J.
5. Momenten-
bzw. Hebelbilanz aus aufrichtenden und krängenden Momenten: Wen
deI
1958 ~72f 73J. Dabei
werden die maximalen Hebelschwankungen
und eine Mittelkurve der Hebel in längslaufenden regelmäßigen Wellen
als Kriteri1tJmherangezogen. In den folgenden Jahren wurden durch Vergleich mit Kenterversuchen in natürlichen
unregelmäßigen Modellwellen eines Binnensees sinnvolle
~'orderungen für die.se Kri.terien aufgestellt
L48,
78J.
Für die meisten praktischen Fälle scheint diese Methode
ausreichend zu sein. Zumindest wird hierbei die Verschiedenartigkeit der Schiffsformen und der Schiffsgrößen gut
erfaßt. Allerdings sind weitere Messungen und Berechnungen zur Verfeinerung dieser Kriterien wünschenswert.
- 6 -
6. Explizite Darstellung der zu erwartenden Schi!fsbewegun-
gen im Seegang, insbesondere
des Rollens
unter de~ Ein-
flußI~uBcT6rlkrängender
Momente und der Hebel$chwankungen des aufrichtenden Momentes im Seegang. Di~se 1'lethode
ist z.Z. noch auf Bereiche der Forschung bzw. auf Einzelfälle beschränkt. Erste Lösungen der Rollb~wegung bis
zum Kentern in unregelmäßigem Seegang sind bisher nur im
Experiment ermittelt worden.
Diese Plöner Kenterversuche wurden mit freifahrenden ~1odellen in den vom Wind erzeugten natürlichen Wellen auf
dem See mit einem dem Seegang auf dem Meer ühnlichen kontinuierlichen Spektrum durchgeführt. Sie ergaben fUr definierte r10dellzustände verschieden lange Fahrzeiten eines Modells im Seegang, bis Kentern eintrat. Eine statistische Auswertung dieser experimentellen Kenterfahrzeiten gab Aussagen über die Kentersicherheit.
Über die-
se Versuche v,urde zuerst 1962 auf dem Symposium fHr
Schiffstheorie
am Institut fUr Schiffbau
der Universi-
tät Hamburg berichtet L46, 63J. Seither wurden diese
Versuche fortgesetzt und die Meßmethode weiterentwickelt
L48,
49J.
Zur Erfassung
der Unregelmäßigkeit
des Seegangs
auf seinen Stabilitätseinfluß machte
G r i m
in bezug
196;
~42J
einen Ansatz mit einer sog.' effektiven Welle. Hißrbei werden die unregelmäßigen'Ordinatenschwankungen
der,Wasseroberfläche entlang des SchiffsrUmpfes durch eine derl Form nach
regelmäßige stehende Welle mit zeitlich unregelmäßiger
Amplitude angenähert. Aus dieser effektiven Amplitude mit
ihren statistischen Parametern konnten Hinweise für kritische Fahrtgeschwindigkeiten
und E1genperioden eines Schiffes
abgeleitet werden.
Im Jahre 1962 veröffentlichteK rap
p i n ger
~55J
ein "Neues Kenterkriterium", in dem er unter Verwendung der
Grimschen effektiven Welle einen wahrscheinlichkeitatheore-
-
7-
tischen Ansatz für die Kentersicherheit
eines Schiffes macht.
Zugrunde liegt eine Be~echnung der Häufigkeit von gefährlichen Grenzneigungswinkeln
durch Lösung einer Bewegungsgleichung in regelmäßigen Wellen über maximal eine Passierperiode mit verschiedenen Anfangsbedingungen.
Abi
c h t
berichtete über die Durchfü~ung
der Rechnungen.
2.3
~29-7
Aufg:abe
Es soll hier ein Ansatz eingeführt werden, mit dem die Erregung eines Schiffes zu großen Rollausschlägen durch längslaufenden unregelmäßigen Seegang berechnet werden kann. Das
bedeutet die Lösung einer Bewegungsgleichung
für das rollende Schiff über eine längere' :Fahrzei t des Schiffes in einer
Folge von Wellen wechselnder Höhe und Länge. Dabei wird besonderer Wert auf das Auftreten extremer Rollwinkel gelegt,
die zum Kentern des Schiffes führen können. Der Ansatz ermöglicht
es, Vergleichsrechnungen
zu experimentellen
Ergeb-
nissen von Kenterversuchen
in unregelmäßiger See durchzuführen. Andererseits soll er Hinweise über die Auswahl der im
}Todellversuch zu untersuchenden kennzeichnenden
Fälle liefern, da ein experimentelles Abtasten aller ParaI:\leterbereiche mit den vorhandenen r1öglichkeiten zu aufwendig ist. Ferner soll der Zusa~enhang
der Kentersicherheit
m~t wichtigen Einflußgrößen des Schiffes, wie Höhenlage des Gewichtss'chwerpunktes, Form des Schiffes, Freibord, Eigenperiode ,
Dämpfung, Fahrtgeschwindigkeit
etc. berechnet werden können.
Die dabei anzuwendenden statistischen Methoden und die Denkweise sind auch im Schiffbau nichts Neues mehr. Die statistische Behandlung von Schi!fsbewegungen
in unregelmtißigem See-
gang wurde von
S t . Den
i sund
Pie r s 0 n mit
ihrem Vortrag vor der SNA~E 1953 auf der von R i c e ent-
wickelten Grundla6e in die Schiffstheorie eingeführt ~66-7.
Auch für andere Probleme des Entwurfs finden statistische
Methoden schon Anwendung. So zog Wen
d e 1
- 8 -
1960 die zufallsbedingten,
d.h. also nicht voraussehbaren
Leckfälle von Schiffen mit Hilfe eines wahrscheinlichkeitstheoretischen Ansatzes zur Beurteilung der Sinksicherheit
heran ~76,
77-7.
.2.4 Was ist Kentern?
Eine Definition gab Wen
deI
1958
in seiner Arbeit
"Sicherheit gegen Kentern" '~74J:
"Mit Kentern wird die Eigenschaft schwimmender Körper
bezeichnet, bei Erreichen eines bestimmten Neigungswinkels ohne weiteren Kraftaufwand in eine andere Schwlmmlage überzugehen. Es entspricht dem Kippen starrer Körper auf fester Uriterlage."
Wir wollen diese Definition noch etwas spezieller fassen
und unter Kentern das Annehmen einer neuen stabilen Schwimmlage des Schiffes ohne weiteren Kraftaufwand bei so großen
Neigungswinkeln verstehen, bei der mit Verlust des Schiffes
durch Betriebsunfähigkeit
oder Wasaereinbruch zu rechnen
ist.
Unter Kentern wird also ein bestimmter Bewegungsablauf am
Schiff verstanden. Ob ein Schiff kentert oder nicht, ist
eine Frage seines Momentengleichgewichts.
Für Gleichgewicht
gilt allgemein die Bedingung, daß die Summe allel" Momente
am Schiff zu Null wird:
~M
(2.4.1)
0
=
bzw. in der üblichen Darstellung
Deplacement bezogenen Momenten:
mit Hebeln als den auf das
0
(2.4.2)
h + k
101
h
=
aufrichtende
k
-
Summe der kr.ängenden Hebel
Hebel'
-9Das Gleichgewicht ist
Die
stabil. für
dk
dh
dj + dJ >
0
(2.4.3)
indifferent für
dh + dk
<1f =
CI
0
(2.4.4)
labil für
dh
0
(2.4.5)
ar
dk
+ 01 <
gegebene Definition gilt fUr eine statische Betrachtung.
FUr das Schiff als dynamisches
ausfUhrt, können wir sinngemäß
System, das Rollschwingungen
sagen:
Wird ein Schiff zu Rollschwingungen
angeregt, die so große
Amplituden annehmen, daß es in eine andere stabile Schwimmlage übergeht, bei der mit Betriebsunfähigkeit
oder Wasser-
einbruch zu rechnen ist, so nennen wir diesen Vorgang Kentern.
Es ist l~icht einzusehen, daß beim Kentern infolge unregelmäßiger, nichtdeterminierter
Schwankungen des aufrichtenden
Momentes auch die Fahrtdauer des Schiffes bis zum Eintreten
eines Kenterfalles nichtdeterminiert
sein wird.
Bild 1 zeigt drei Beispiele von Hebelkurven. Die krängenden
Hebel sind der Einfachheit halber zu null gesetzt.
Werden die Neigungswinkel größer als die Winkel labilen Gleichgewichts (dabei sei jetzt nicht beachtet, wie das Schiff in
diese Lage kommt), so ~{entert das Schiff unter der Voraussetzung, daß die Hebelkurve für die Dauer des Kentervorganges
konstant bleibt. Eine Ausnahme bildet das labile Gleichgewicht im dritten Fall von Bild 1 bei null Grad. Die beiden
stabilen Gleichgewichtslagen
bei ~ 100 liegen im Betriebsbereich des Schiffes, es gilt noch nicht als gekentert.
Dagegen verunglückte
1961 das Küstenmotorschiff
I"Lohengrin",
zweiter Fal~ im Bild 1, indem es im achterlichen Seegang
o erreichte. Es konnte
den Gleichgewichtszustand
bei ca. 45
- 10 -
sich nicht wieder aufrichten ~41-7.
Das Schiff gilt als
gekentert, obwohl hohe Luken sowie Aufbauten und Brücke es
am völligen Umschlagen hinderten. Die "Lohengrin" sank in
den folgenden
Stunden.
2.5 Kentersicherheit
Durch die Anwendung der Wahrscheinlichkeitstheorie
ist der
Begriff der Sicherheit zu einer definierten und zahlenmäßig angebbaren Gr~ße geworden. Es wird hierzu auf das umfangreiche
p i n ger
Schrifttum verwiesen. Eine übersicht gab K rap
im Jahre 1961 vor der Schiffbautechnischen
Ge-
sellschaft
~56-7.
Wir verstehen unter Kentersicherheit
die Wahrscheinlichkeit
dafür, daß ein Schiff in einem bestimmten Zeitraum nicht
kentert. Zur Ermittlung der Kentersicherheit
ist es nun
zweckmäßiger, die Wahrscheinlichkeit
für das Eintreten eines Kenterfalles
in diesem Zeitintervall
zu bestimmen.
Da Sicherheit und Ausfallwahrscheinlichkeit
komplementär
sind, ist damit auch die Kentersicherheit
gegeben:
(2.5.1.)
Man kann auch sagen, daß die Zeitdauer, die ein Schiff vom
Fahrtbeginn bis zum Kentern braucht, eine Zufallsgröße ist.
Es muß nun die Verteilung FK der Kenterfahrzeit tK bestimmt
werden.
Hierzu gehen wir aus von der sog. Intensitätsfunk-
tion oder spezieller,
von der "Ausfallrate".
Der AusdruCk;UK (t) dt gibt die bedingte Wahrscheinlichkeit
dafür an, daß das Ergebnis, in unserem Falle das Kentern
des Schiffes, im Zeitabschnitt (t, t + dt) auftritt, unter
- 11 der
Voraussetzung, daß es bis t noch nicht eingetreten ist:
(2.5.3)
eines Schiffes,
Dabei ist fK (t) dt die Wahrscheinlichkeit
das zur Zeit t zu fahren beginnt, zwischen den Zeitpunkten
t und t + dt zu kentern:
(2.5.4)
Der Nenner in Gleichung (2.5.2) gibt die Wahrscheinlichkeit
dafür an, daß Kentern im Zeitintervall (O,t) nicht eintritt:
(2.5.5)
Dabei ist FK (t) die Wahrscheinlichkeit,
intervall (O,t) eintritt:
daß Kentern
im Zeit-
(2.5.6)
Für eine gegebene
Intensitä~sfunktion
läßt sich dann die
WahrscheinlichkeitFK (t) (nach G u m bel
rechnen
be-
aus:
.
F
L12J)
(t)
K
= 1 - {1
-
F
K
(t
t
)
1 ) exp.
(
f
wobei t1 ein beliebiger
-
I
)< K ( u)
dU}
(
2 5 .7)
.
t1
Wert von t ist.
Für t1 = 0, FK(t,) = ° wird
t
FK (t) = , - exp.{
- ! )lK(U) dU]
(2.5.8)
o
Unter der Voraussetzung, daß in jedem Zeitintervall dt während der Fahrt eines Schiffes die Wahrscheinlichkeit
für
das Kentern konstant ist, d.h. bei konstanter Ausfallrate
/-K
(t)
ra/m
const
- 12 -
ergibt sich aus (2.5.8) die Verteilungsfunktion
tern
FK (t) = 1 - exp (-~t)
fUr das Ken(2.5.10)
mit der Verteilungsdichtefunktion
Hierbei
ist
ftK = 1
(2.5.12)
TK
Bei radioaktivem Zerfall ist fUr TK der Ausdruck "Halbwertszeit'! üblich. Hier ist TK die mittlere Kenterfahrzeit.
Sie
bestimmt als Parameter die Exponential-Verteilung
für die
Fahrzeit des Schiffes bis zum Kentern und ist gleich dem
Nullmoment erster Ordnung der Verteilungsdichte
fK (t):
c>O
TK =
fK (t) dt
lot.
(2.5.13)
Liegt eine Ziehung von n Werten tKi vor, so erhalten wir
TK über den Mittelwert
M
TI( = ~
L tKi
i=1
(2.5.14)
Anschauung und Experiment zeigen, daß für die Fahrzeit eines
Schiffes bis zum Kentern eine minimale Zeit erforderlich ist,
die eigentliche Kenterzeit des Schiffes,' die nic1';lt
unterschritten werden kann. .Wir können diese Zeit to die "Inkubationszeit" nennen /:38J.
Diese Inkubationszeit gibt die
Zeitdauer fUr den eigentlichen Kentervorgang an, entspricht
also einer Kenterzeit,
fahrzeit"
im Gegensatz
tK. Es kann angenommen
to nach N (=fo' <a'~) verteilt
zur längeren
werden,
"Kenter-
daß die Kenterzeit
ist.
Die Verteilung der Fahrzeiten t~ des Schiffes bis zum Beginn der Inkubationszeit to' die wir im Mittel zu ~o ansetzen, ist dann
- 13 mit t'
fK
=t
to'
Ti = TK
- to:
tl
1
,( t ,) =
exp (;...
TK- t
TK- t'-J
o
0
(2.5.16)
-.--
---
- 14 3
. Berechnungsansatz
f'ir das kenternde
Schiff
-----------------------------------------------------------------------------------
3.1
Svste~theorie
und Stochastik
..
Das rollende Schiff wird als ein System mit Eingangs- und
Ausgangssignal aufgefaßt, Bild 3. Dabei seien die äußeren
Bedinöungen, denen das Schiff ausgesetzt ist, die Eingangssignale. Das zugehörige Schiffsverhalten sei die Systemantwort auf die Eingangssignale. Ist über die innere Struktur
des Systems nichts bekannt oder ist sie mathematisch schwierig darzustellen, kann zur Beschreibung des Syate~a die Kenntnis von Eingang und A~sgang genügen. Man nennt dieses Vorgehen die Black-Box-Meth0de. }"ürdie bisher durchgef:lhrten
Plöner Kenterversuche in unregelmäßigem Seegang wurde diese
Methode praktisch angewendet.
Für eine weitergehende Kenntnis und Berechnung des Systemverhaltens ist eine Analyse der Struktur des Systems und der
bestimmenden Parameter für das Schiffsverhalten erf0rderlich.
Dieser analytische Weg wird ergänzt durch die synthetische
Uethode, bei der versucht wird, aus einem einfachen Ansatz
durch Hinzunahme V0n weiteren Einflußgrößen das the0retische
Nodell immer besser de~ YlirltlichenGeschehen anzupussen.
Die Kenterversuche haben den Vorzug, daß alle Einflußgrößen
wirksam sind. Hierzu können gerechnet werden:
Passierfrequenz ~ellen
Schiff
Störungen durch seitliche Wellen und ~indkrlifte
-
Größe der Hebelschwankungen
Hydrodynamische Effekte am Schiffskörper.
In vorliegender
geführt werden,
Arbeit soll nun ein analytischer Ans~tz einder wesentliche Einflußgrößen, insbesondere
die Unregelmäßigkeit
der Hebelschwankungen,
Bild 4 zeigt die Aufgliederung
rollenden
Schiffes
erfnßt.
eines in längslaufender
in zwei Teilaysteme.
See
Das erste System
- 15 -
beschreibt
richtenden
die hydrostatische Ermittlung der Hebel des aufMoments im Seegang. Das zweite System beschreibt
das rollende Schiff als dynamisches System. Wegen der Unregelmäßigkeit des Seegangs erweist sich die Behandlung beider Systeme als aufwendig. Zur mathematischen Beschreibung
der Systeme spielen die Art des Eingangssignals und die
"Verformung"
dende Rolle.
des Eingangssignals
im System eine entschei-
Zur Behandlung des Kenterns von Schiffen ist ein großer Rollwinkelbereich zu erfassen, für den auch näherungsweise eine
Linearisierung nicht möglich ist. Eine der linearen Theorie
vergleichbare Darstellung gibt es für nichtlineare Systeme
leider nicht. Es müssen also bei nichtlinearen Systemen mit
stochastischem1) Eingang alle Einzelfälle für sich durchgerechnet werden. Für allgemeinere Aussagen auf statistischer
Grundlage können dann wieder di~ Ausgangssignale verwendet
werden.
Für das oben definierte Teilsystem I lassen sich die aufrichtenden Hebel anhand der Schiffsform auch für unregelmäßigen Seegang zu äquidistanten Zeitabschnitten quasistationär berechnen. Allerdings steigt der numerische Aufwand beträchtlich im Vergleich zu regelmäßigen Wellen. Es
erscheint möglich, nach Durchrechnung einiger Schiffsformen
hier mit zuverlässigen Näherungen zu arbeiten. Näheres hierzu unter Abschnitt 4.1.
Noch aufwendiger ist die Behandlung des Systems 11. Die Vielzahl von zu berechnenden Kentervorgängen aus der Lösung der
Bewegungsgleichung
bzw. die erforderlichen statistischen
Langzeitrechnungen
ergeben zusammen mit der Variation von
Schiffsparametern,
wie Fahrtgeschwindigkeit
oder Dämpfung
des Schiffes, selbst bei vereinfachtem Ansatz umfangreiche
1) Eine stochastische Größe ist eine Zufallsvariable, die
nicht analytisch darstellbar ist. Stochastisch steht synonym für regellos, unregelmäßig (englisch "random").
Teilweise wird auch der Ausdruck "aleatorisch" verwendet (von lat. aleos - der Würfel).
--'---
16
numerische Rechn~gen.
Das Suchen nach Bereichen, die für das Schiff eine gro~e
Kentergefahr darstellen, ist bei vielen Parametern mit z.T.
stochastischen
mittel
Größen trotz Einsatz moderner
sehr mühsam.
Es erscheint
sinnvoll,
Rechenhilfs-
die durchzurech-
nenden Fälle auf wichtige Bereiche zu beschränken und durch
die Kenntnis der Tendenz von Parametereinflüssen
den Rechenumfang zu beschränken. In noch stärkerem Maße trifft das
fUr statistische
Kenterversuche
zu. Sie sollten sich, sobald
eine Berechnungsmethode
wie die hier vorgeschlagene vorliegt,
auf kennzeichnende Einzelfälle beschränlcen, um den theoretischen Ansatz prüfen und verbessern zu können. Dazu sind auch
determinierte Fälle durchzumessen, bei denen
die Anfangsbedingungen und die Wellenfolge am Schiff meßtechnisch erfaßt werden. Unter Einzelfällen seien hier aber auch statistische Versuchsreihen verstanden, die statistische Daten
der Bewegungsgrößen und experimentelle Kenterzeitverteilungen liefern. Trotzdem ist der Aufwand für DurchfUhrung und
Auswertung
solcher Versuche
noch beträchtlich.
Lösungsverfahren mit Hilfe eines Zufallsprozesses werden
heute oft als Monte-Carlo-Methode bezeichnet. Ursprünglich
war es nach v. Neu
man
n ~20-7 n~r die Lösung eines
einfachen stochastischen Problems, dessen experimentelle
Lösung der des ursprünglichen Problems, das zwar formuliert,
analytisch
aber zu schwierig
zu lösen ist, beliebig
nahe-
kommt.
Ein Uberdecken
des gesamten
wichtigen
Parameterbereiches
im Experiment im Sinne einer Monte-Carlo-Methode
wäre zu
aufwendig. Insofern kann der im folgenden beschriebene Ansatz als notwendige
Ergänzung
der Kenterversuche
gelten.
Führt man die numerischen Rechnungen nicht rein ziffernmäßig durch, sondern benutzt eine analoge Darstellung des formulierten
Problems
etwa durch einen elektrischen
kreis, an dem man Stichprobenexperimente
Schwing-
durchfUhrt,
so
- 17 -
spricht man von einer Simulation.
Berechnung erleichtern.
3.2 Spektrale
Darstell~~~
Eine Simulation
stochastischer
kann die
Größen
Bei unregelmäßiger See kann man nicht angeben, welche Ordinate ~ die Wasseroberfläche des Meeres zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort haben wird. Zur Beschreibung solcher Vorgänge dient die Theorie der stochastischen Prozesse. Mit Hilfe des Wahrscheinlichkeitskalküls
lassen sich Aussagen tiber kennzeichnende Eigenschaften solcher Prozesse machen. Zahlenwerte erhält man fiber statistische Mittelwerte
Strecken
durch Integration
tiber hinreichend
große
bzw. Zeiten.
Unter der Voraussetzung, daß unregelmäßiger Seegang ein ergodischer und stationärer stochastischer Prozeß ist, können
wir mit den zeitlichen Ordinatenschwankungen an nur einem
Punkt der Wasseroberfläche arbeiten ~50-7.
Es hat sich als zweckmäßig erwiesen, zur mathematischen Beschreibung stochastischer Prozesse ein relatives Leistungsmaß einzuführen, und zwar den zeitlichen Mittelwert des i,entralmomentes zweiter Ordnung:
+T
m2 (;)
= -g2 eff
= ~2(t)
:: T:;~-k
!r
$2(t)
dt
(3.2.1)
Das Spektrum stellt nun die Verteilungsdichte der Leistung
über der Frequenz dar:
s
S
f
.f'
( ...
)
_
-
d ~2
(t)
(3.2.2)
df
Seegangsspektrum
Frequenz
In Gleichung (3.2.2)
ist im Prinzip das sog. Parsevalsehe
Theorem enthalten.
-
-----
-~--
- 18 -
Es wird hier die Darstellung
u9-';;:;2'/Tf
S (f)
}~nchmal
über f bevorzugt.
Es gtlt:
dtb = 2<7Tdf
= 2 7r S (4/')
(3.2.3)
wird das Spektrum nur über den positiven
zen dargestellt. Dann ist zu beachten,
für das Spektrum verdoppelt.
S+ (f)
:r:
Frequen-
daß sich der Wert
2 S (f)
dann
Damit ist
+00
00
00
7= J S (f) df = I 2 S (f) df =! S+ (f) d!
0
-00
0
Spektrum erhalten wir numerisch aus der Fouriertra~Gformierten F, des Zeitvorganges
5(t) bzw. über die Autokorrelationsfunktion ~~~ :
Das
Sn
(f)
R
~..:::' h-j F, .L5(t)J/2
(3.2.5)
(3.2.6)
Die Teilkomponenten desSeeeangs haben eine unregelmäßige
Phasenlage. Die Wahrscheinlichkeitsdichte
der Phasenwinkel
c ist gegeben durch eine Rechteckverteilung:
w Ce:)
1
= 2"1f
,Ob
€ L 27(
Es ist daher nicht möglich,
rechnen.
(3.2.7)
zu be-
ein Amplitudenspektrum
Die zeitliche Mittelwertbildung
liefert
uns jedoch
mit dem Leistungsspektrum
eine statistisch determinierte
Funktion zur Kennzeichnung des stochastischen Prozesses.
Wie in Abschnitt 3.' ausgeführt,
steme keine tbertragungsfunktion
kann
für nichtlineare
angegeben
werden.
führung von Einzelrechnungen
muß aus dem ~pektrum
eine Zeitfunktion
werden:
entwickelt
Sy-
Zur Durchwieder
- 19 po
~( t ) = fo c ( f)
si n { 2 7Tft
= \j 2~~f)'
C (f)
+ E ( f) } d f
L tfi- J
(3.2.8)
(3.2.9)
Die Größe C(f) bedeutet hier eine Amplitudendichte.
Bei kontinuierlichen Spektren besitzt also eine diskrete Frequenz
nur eine infinitesimale Amplitude. Die aus dem Spektrum abgeleitete Amplitudendichte
beschreibt den stochastischen
Prozeß nicht mehr vollkommen,
sondern nur in VerbindunG
~it
den regellosen Phasen e (r) in Gleichung (3.2.8).
Gleichung
(3.2.8) kann damit einen zeitlichen Ausschnitt T aus der
Seegangsfunktion ~(t) liefern.
Es ist möglich, das kontinuierliche
Spektrum durch diskrete
Teilkomponenten tiber eine bereichsweiee Integration der
Spektraldichte anzunähern. Aus (3.2.8) folgt dann der Summenausdruck:
N
'S(t)
=
L -V 2S(:f'p) ~fp' ~ln (21Tfpt + €p)
(3.2.10)
p=1
~
Praktisch
müssen da~
teilten
Grundgesamtheit
für ~p Ziehungen aus der gleichvereingesetzt
werden.
3.3 Bewe~ungs~leichun~
Das Schiff wird als ein starrer Körper aufgefaßt. Jeder Körper in Bewegung verfolgt seinen Bewegungsablauf
so, daß zwischen zwei Zeitpunkten
die Differenz
zwischen kinetischer
und potentieller Energie ein Minimum wird (Hamiltonsches
Prinzip. Die notwendige Bedingung hierfür 1st nach E u 1 e r
für einen Freiheitsgrad:
h
mit L
- ---
-------
---
a
(Li)
T - U
-
L" -= 0
(3.3.1)
(3.3.2)
-
-..----.---
~
-- ----------
-20
L
-
Kinetisches Potential
(Langrangesche Funktion)
Kinetische Energie
Potentielle Energie
T
U
'f
Koordinate
Die potentielle Energie U wird beim rollenden Schiff vom
Schwerefeld der Erde und dem jeweiligen Auftriebsvektor am
Schiffskörper gebildet. Ist der Auftriebsvektor vom Nei-
gungswinkel f und der Zeitt
abhängig, läßt sich schreiben:
(3.3.3)
~g~
e
Deplacement des Schiffes
Stabilitätsweg
Dabei wird das D~placeroent des Schiffes als konstant
nommen.
Die kinetische
T =
1
'
~nergie
·
läßt sich ausdrUcken
I11
in der Form
2
~ I'Iff
Damit wird die Gleichung
t
ange-
('.3.1) zu
..
f + g g~ h (r, t) = 0
mit h ( r ,
t)
d e 1'., t)
(
::::
01
(
3 3
(
3 3 6)
.
.
. :; )
.
'
Hinzu kommen noch die Momente, die unabhängig vom Potential
L wirksam sind. Dazu gehören das Dissipationsmoment
MD und
äußere erregende Momente Mk(t). Wir erhalten dann die all-
gemeine Form d.er Bewegungsgleichung
fUr einen Freiheitsgrad
Ein Schiff kann im längslaufenden Seegang solche Änderun6en
seiner aufrichtenden Hebel h erfahren, daß es kentert. Rollbewegungen mit sehr großen Amplituden werden also dabei
durch zeitliche
Änderungen
der Kennlinie
des Systems
Schiff
- 21 -
erzeugt, wobei hier unter Kennlinie
l~~g des aufrichtenden
zu verstehen
die graphische
Hebels h über dem Rollwinkel
ist, im Schiffbau
als Hebelarmkurve
Darstel-
~
geläufig.
Ein System, dessen Eigenschaften sich zeitlich ändern, nennen
wir nach Klo
t t e r
"rheonom" ~'5-7.
Man spricht dann
je naoh Form der Kennlinien des Systems von "rheolinearen"
bzw. "rheoniohtlinearen"
Schwingungen. Teilweise
die entspreohenden Bezeiohnungen quasiharmonisch
gab es auch
und pseudo-
harmonisch, die wir jedoch nicht verwenden wollen. Im Bereich
der Elektrotechnik hat sich fUr die gleiche Art von Schwingungen der Begriff der "parametrischen Erregung" oder auch
der "parametrischen Entdämpfung" eingeführt.
Für ein Schiff in unregelmäßigem Seegang sind die zeitlichen
Änderungen der Systemkennlinien stochastische Funktionen.
Das System Schiff wird dann nach obigen Definitionen charakterisiert als ein "stochastisch rheonichtlineares
System".
Für die Art der Erregung wollen wir von "stochastischer parametrlscher Erregung" sprechen.
"Für lineare
System~
mit
harmonischer
parametrischer
Erregung
sind die Lösungen der Mathieuschen Gleichung bekannt ~'7-7.
Das Schiff mit periodischer
G r i m ~40-7 theoretisch
und zwar die Gleichung
1;/
f
+ Hff +S
g\X(G'f1o +
parametrischer
Erregung
und experimentell
~ Mi tan2f
+6GR
.
mi t den Anfangsbedingungen
'/0
und '10.
---.-
hat
untersucht,
sinlJ't) sinf
(3.3.8)
=
0
---------
,----._-
--'
- 22 4.
Analyse der Bewegungsgleichung
========:===:==============~==
4.1 Aufrichtende
Hebel
Wir können den zeitlich veränderlichen aufrichtenden Hebel
durch den zeitlichen Mittelwert und eine Schwankungsfunktion um diesen Mittelwert
darstellen:
(4.1.1)
Gleichung
winkel
(4.1.1) soll gelten fUr einen konstanten
1 . Für
Neigunes-
eine rege1mäßige
Welle sind diese Kurven für
verschiedene Winkelf in Bild 5 für das Schiff No 4212 W der
Serie 60 dargestellt. Die Ermittlung der Hebelwerte im Seegang entspricht nach der Definition in Abschnitt 3 der Behandlung
des Systems I. Für die praktisch
üblichen
Schiffs-
formen muß die Hebelfunktion h (1, t) aus der periodischen
Seegangsfunktion punktweise numerisch berechnet werden. Trotzdem lassen die Ergebnisse -hier
die Hebel für regelmäßige
~Wellen - die Grundperiode der Einzelwelle für alle Winkelbereiche erkennen. Eine Abweichung von dem sinusförmigen
Verlauf kann als Verformung des Eingangssignals durch die
Schiffsform
gedeutet
Die in Bild
5 gegebene
Uber
eine
gemeinere
Passierperiode
Aussagen
werden.
graphische
mit
Darstellung
f als Parameter
über diese Verformung
der Hebel
kann
für all-
nicht befriedigen.
Auch andere Auftragungsarten
können hieran nichts ändern.
Sicher aber hängt deriVerlauf
rakteristischen Eigenschaften
der Hebel nach Bild 5 mit chader Schiffsform zusammen. So
ist es heute schon üblich, kennzeichnende Punkte dieser Hebelkurven zu berechnen, etwa fUr die Lage des Schiffes im
Wellental und im Wellenberg. Dami t hat man wohl 'fUr die
üblichen Schiffsformen d~n möglichen Schwankungsbereich
der Hebel erfaßt. Neben den Hauptabmessungsverhältnissen
des Schiffes gehen hierbei
besondere
charakteristische
Ei-
- 23 -
genschaften
Kreuzer-
der Schiffsform
oder Spiegelheck,
wie etwa völliges
in das Ergebnis
Mittelschiff,
ein.
Zur Erfassung des periodischen Hebelverlaufes nach Bild 5
ist jedoch die Kenntnis der Hebel in Zwischenlagen der Passierperiode
Welle-Schiff
erforderlich.
Dabei ist mindestens
jeweils ein Funkt zwischen Berg und Tal zu berechnen, um
einen Anhalt über die Abweichung vom sinusförmigen Verlauf
zu bekommen. Diese Punkte werden mit erster und zweiter Zwischenlage bezeichnet. Die erste Zwischenlage entspricht der
Lage des Wellenberges in der Mitte des Vorschiffs, die zweite Zwischenlage der Lage des Wellenberges in der Mitte des
Hinterschiffes. Es ist naheliegend, diese beiden Zwischenlagen als charakteristisch
für den Einfluß der Vor- bzw.
Hinterschiffsform
auf die Seegangshebel anzusehen. Es wird
daher vorgeschlagen, diese Phasenlag~grundsätzlich
bei Seegangshebelrechnungen
immer mitzubestimmen.
Da ein stetiger Verlauf der hf (tO)-Kurvenin regelmäßigen
Wellen für me üblichen Schiffsformen schon wegen der Integrationßglättung immer vorausgesetzt werden kann, genügen
diese vier Punkte bereits, um den typischen Verlauf zu kennzeichnen. Inwieweit das auch quantitativ zutrifft, ist in
Bild 6 dargestellt. Hier sind über dem Neigungswinkel die
Abweichungen des mittleren Seegangshebels vom Glattwasserhebel aufgetragen. Der mittlere Seegangshebel wurde aus zwei
Phasenlagen - Berg und Tal -, aus vier Phasenlagen - Berg,
Tal und den beiden Zwischenlagen - und aus acht Phasenlagen
gemittelt. Außerdem wurde der mittlere Seegangshebel durch
Integration über alle Phasenlagen bestimmt. Es ist zu erkennen, daß für diese Schiffsform der Sprung von zwei auf
vier Phasenlagen erheblich ist, während bei noch mehr Phasenlagen sich aber nicht mehr viel ändert. Um die kennzeichnenden Eigenschaften der Verformung zu erfassen, sollte man
also die Hebel im Seegang für vier Phasenlagen eines Schiffes
in einer regelmäßigen Welle berechnen.
-
24 -
Um auch quantitativ mehr Aussagen zu erhalten, die über einen bloßen anschaulichen Vergleich der Hebel verschiedener
Schiffe hinausgehen, wird eine harmonische Analyse der Hebelschwankungen für verschiedene ~ vorgeschlagen. Die Verformung wird sich dann in Beträgen der Oberwellen ausdrücken,
und es könnten sich Besonderheiten für verschiedene Schiffstypen finden lassen. Die Bilder 7 und 8 zeigen das Ergebnis
solcher Analysen für unser Standardschiff der Serie 60. Sie
entha~ten den mittleren Hebel im Seegang, die Grundperiode
der Hebelschwankung,
die gleich der Seegangsperlode ist,
sowie die Oberwellen. Die Oberwellen können nach der dritten
Ordnung abgebrochen werden, da die höheren Ordnungen ~eist
sehr klein sind und die Hebel kaum noch verändern.
Da der zusätzliche Rechenaufwand, wie oben geschildert, sehr
eingeschränkt werden kann, könnten sehr bald für viele Schiffe solche Spektren vorliegen. Es ist denkbar, daß auf diesem
Wege dann eine systematische Zuordnung von Seegangshebeln
und Schiffsformen
erfolgen kann.
Wie Bild 6 erkennen
läßt, weichen die Mittelkurven
der Hebel
in regelmäßigen Wellen stark von der Glattwasserkurve
ab.
Vor allem für große Neigungswinkel sind meist kleinere mittlere Hebel anzutreffen. Die daraus resultierende Gefährdung
von Schiffen ist bekannt und besonders in den letzten zehn
Jahren gab es intensive Bemühungen, dies in der praktischen
Beurteilung der Kentersicherheit heranzuziehen. Ursache ist,
daß die Hebelminderungen
im Berg im Vergleich zu Glattwasser
größer sind als der Hebelzuwachs im Tal. Bei Untersuchuneen
im Seegang muß die Glattwasserkurve also verlassen werden
und kann auch als Bezugslinie keine Anwendung finden. Da
es jedoch üblich ist, ein GH für Glattwasser zu berechnen,
schon weil der Krängungsversuch
in glattem Wasser erfolct,
wird dieser Wert fUr alle folgenden Untersuchungen auch in
unregelmäßigem
henlage
Seegang als gleichwertige
des Gewichtaschwerpunktes
Angabe
für die Hö-
über Kiel KG verwendet.
Die Angabe von GMGW soll also lediglich
die Lage des Ge-
- 25 -
wichtsschwerpunktes kennzeichnen, da KMGW eine definierte
Formgröße des Schiffes ist:
KG ::: KMGW - GMGW
(4.1.2)
In unregelmäßigem Seegang werden sich nun auch der aufrich.
tende Hebel über der Zeit unregelmäßig ändern. Dieser stochastische
Hebel läßt sich für
i
:::
const statistisch
durch
Spektren und Verteilungsfunktionen ebenso darstellen, wie
es für unregelmäßigen Seegang geläufig ist. Zur genauen
numerischen Berechnung der stochastischen Hebel flirein
Standardschiff der Series 6"0,nach dessen Linien auch ein
neues Modell für die Plöner Kenterversuche gebaut wurde,
läuft ein Forschungsvorhaben mit Unterstützung der Deutschen
Forschungsgemeinschaft. Stochastische Hebel können grundsätzlich in gleicher Weise wie für regelmäßigen Seegang unter Annahme der Froude-Krylowschen Hypothese berechnet werden. Gegeben sind dabei die Linien des Schiffes und das Deplacement. Das Unterwasservolumen des Schiffes ist oben unregelmäßig begrenzt und wechselt diese Grenzkontur über der
Zeit. Mit Hilfe digitaler Programme ist es heute möglich,
auch so umfangreiche numerische Rechnungen mindestens für
prinzipielle
Untersuchungen
einmal
durchzuführen.
über
f1e-
thode und erste Ergebnisse wird auf den vorliegenden Zwischenbericht verwiesen ~37-7.
Da dieses Vorhaben noch
nicht abgeschlossen ist, werden in vorliegender Arbeit für
die verwendeten stochastischen Hebel plausible Annahmen gemacht, die sich für spätere Rechnungen jeweils ändern oder
variieren lassen.
Die Hebelfunktion
(t) für einen konstanten
h
Neigungswinkel
'f
sei ein stationäJrstochastischer
Prozeß.
Dafür existiert
der Ausdruck:
-
11
r
1
lim :f
(Der Querstrich
strichenen
(4.1.3)
T-oo
kennzeichnet
Größe, ausgenommen
immer den Mittelwert
der über-
bei Streckenbezeichnungen
---
durch
--.-
- 26 zwei Endpunkte, z.B. RIT.)
die
Der Ausdruck (4.1.3) stellt den linearen ~littelwert der stochastischen Hebel dar. Ermitteln wir h für alle f im Bereich
~
900,