Mechanische Analog-Computer für schwere Flab-Kanonen, ca. 1930–1945: Technische Studien ab historischen Quellen — Funktionsweise des mechanischen Analog-Rechners SPERRY (USA)
Durch die Schweiz ab 1937 angeschafft und bei HASLER in Lizenz
gebaut: Ungarisches Kommandogerät GAMMA-JUHASZ. Links die
beiden Fernrohre zur Verfolgung des Fliegers.
Mechanische Analog-Computer
für schwere Flab-Kanonen
ca. 1930-1945
Technische Studien ab historischen Quellen
André Masson, Langenthal
12 von 14 Mann bedienen den Flugbahn-Rechner: Deutsches Kommandogerät 36 mit aufgesetztem
Telemeter. In der Bildmitte der runde „Flugrichtungstisch“.
1935 kauft die Schweizer Armee den US-Rechner SPERRY zur Probe – das war
Sechs Jahre vor dem ersten funktionsfähigen Computer der Welt (Zuse Z3)
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Archäo-Informatik – Militärische Zahnrad-Computer (ca. 1930 bis 1945):
Funktionsweise des mechanischen Analog-Rechners SPERRY (USA)
Grosse Schussdistanzen resp. lange Flugzeiten bei der schweren Fliegerabwehr erfordern zwingend
eine rechnerische Unterstützung: Das optische Anvisieren des Flugzeuges liefert die Daten an den
Rechner, welcher daraus denjenigen Punkt bestimmt, an dem sich Flugzeug und Geschosse treffen
werden. An die Kanonen liefert der Rechner drei sich laufend verändernde Grössen: Seitenwinkel,
Höhenwinkel und Tempierung (d.h. Dauer des Zeitzünders der Geschosse). In den Dreissigerjahren
sind die Berechnungen in den meisten dieser „Kommandogeräte“ erst für Geradeausflüge möglich.
Die Schweiz beschaffte sich 1935 versuchsweise zwei Rechner der amerikanischen Firma SPERRY
(Angaben B. Benz, Museum Dübendorf). Ein Gerät ist verschollen, das zweite steht heute im FliegerFlab-Museum in Dübendorf. Die Erfahrungen mit diesem Gerät und den zugehörigen 7.5 cm-Kanonen
VICKERS sind offenbar nicht zur Zufriedenheit verlaufen. Es wurden deshalb Versuche gemacht mit
dem ungarischen Gerät GAMMA-JUHASZ, das in Stückzahlen gekauft, durch HASLER in Lizenz produziert und weiterentwickelt wurde. Ab 1944 (Modell 1943) wurden beim HASLER-Gerät neue Extrapolationen für Kurvenflüge eingebaut. Geschütze dazu: 7.5 cm-Kanonen SCHNEIDER-CREUSOT
Bilder des erhaltenen SPERRY-Gerätes im Flieger-Flab-Museum Dübendorf:
Linke Seite: Die grosse, runde Anzeige gibt
die Flughöhe an (vom Telemeter geliefert).
Links davon die Anzeige des Lagewinkels
des Flugzeuges, mit Grob- und Feinskala.
Unter dem Deckel mit Kettchen: Umstellung von Flug- zu Erd- resp. Seezielen. Der
Rechner steht auf einem grossen Stativ.
Rechte Seite: Anzeige für die Geschwindigkeiten in Nord/Süd- und Ost/West-Richtung.
Links unten Handrad zur seitlichen Nachführung des Gerätes. Oben links unter
Deckeln: Parallax-Einstellungen (Unterschied zwischen dem Ort der Geschütze und
dem Ort des Rechners)
Hintere Seite: Hier werden von Hand allerlei
Korrekturen vorgenommen, um die Trefferlage zu verbessern. Zuoberst, an drehbarer
Achse montiert, waren ursprünglich drei
Fernrohre, um das Ziel zu verfolgen (die
Fernrohre sind heute nicht mehr vorhanden).
Schriftliche Unterlagen (Dokumentation, Betriebsanweisungen) zum SPERRY-Gerät haben sich im
Flieger-Flab-Museum leider keine erhalten. Hingegen finden sich im Buch „Flak-Kommandogeräte“
(Oberstingenieur Alfred Kuhlenkamp, 1943, VDI Verein Deutscher Ingenieure) (vgl. Ref. 1) ein
Schema der Rechengetriebe und nähere Angaben zur mathematischen Arbeitsweise des mechanischen SPERRY-Rechners. Alfred Kuhlenkamp (1901-1973) arbeitete ab 1931 bis zum Kriegsende im
Heereswaffenamt für die Entwicklung von Flak-Kommandogeräten und Flak-Visieren. Die Bilder in
seinem Buch zeigen, dass der ihm bekannte SPERRY-Typ glücklicherweise fast identisch ist zum
erhaltenen Exemplar im Flieger-Flab-Museum Dübendorf. Ein nachfolgender SPERRY-Typ (wird in
Ref. 1, p.144 als „neuzeitlich“ genannt) sieht dagegen im Aufbau ganz anders aus, auch die Arbeitsund Rechenart ist stark umgebaut worden.
Im erwähnten Buch von A. Kuhlenkamp finden sich ebenfalls nähere Angaben zum deutschen
Kommandogerät 36, jedoch keine Silbe zum bereits vorhandenen KdoGt 40 (bis 1942 sind davon
schon 746 Stück produziert worden!). Erklärt wird auch das GB-Gerät VICKERS. Bloss summarische
Angaben gibt es zum ungarischen Gerät GAMMA-JUHASZ, zum französischen AUFIèRE und OPL, zum
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tschechischen ṦKODA (welches die Russen als PUAZO kopiert haben) und zum holländischen
HAZEMEYER. Das waren in der Regel im Krieg erbeutete und untersuchte Geräte. Die detailliert
beschriebenen Geräte SPERRY, KdoGt 36 und VICKERS unterscheiden sich in der mathematischen
Arbeitsweise und in der praktischen Konstruktion beträchtlich. Im Flieger-Flab-Museum Dübendorf
hat es noch zahlreiche Unterlagen zum GAMMA-JUHASZ (spätere Produktion HASLER).
Das deutsche Kommandogerät 40 wird im Aufbau und mitsamt Funktionsschema beschrieben in Ref. 3, p. 60-63
Ein Menschenleben vor unserer Zeit sieht die Rechner-Architektur noch sehr anders aus als heute!
SPERRY-Rechner:
Impression des
Innenlebens
Welches ist das
optimale Betriebssystem ? Wie viele
Gigabytes, wie viele
MHz ? Diese Fragen
stellten sich 1935
noch lange nicht.
Man sieht lauter
Zahnräder, Hebel,
Übersetzungen,
Getriebe, Federn
und sogar einen
Spannfaden.
Speicher gibt es
noch keinen. Für
jede neue Aufgabe
muss ein neuer
Rechner gebaut
werden.
Zum Verständnis der Funktionsweise des mechanischen Rechnens ist es unerlässlich, vorerst das
Prinzip des „Folgezeigers“ zu kennen:
Bedienung des Rechners – fast durchwegs am Folgezeiger
Frühe Rechner benötigten bis zu 12 Mann, welche laufend aktuelle Werte einzustellen hatten
(Kommando-Hilfsgerät 35, Kommandogerät 36). Später wurde der Personalbedarf reduziert. Alle
Leute am Rechner mussten „ihre“ Variable (Distanz, Winkel etc.) laufend aktualisieren: per Handrad
war ein rotierender Messzeiger so einzustellen, dass er stets in Übereinstimmung blieb mit einem
vorgegebenen, durch die Maschine bewegten Zeiger. Die Folgezeiger hatten zuäusserst eine feste
numerische Skala zur Ablesung des Wertes, dann einen mittleren, drehbaren Ring mit Marke, und ein
inneres, drehbares Zentrum, ebenfalls mit Markierung. Von den beiden beweglichen Teilen (Ring /
Zentrum) wird das Zentrum durch den Rechner vorgegeben, und das Bedienpersonal muss mit einem
Handrad den Ring stets so einstellen, dass immer genau „Marke auf Marke“ liegt.
Anfänglich wundert man sich, wieso die Mannschaft mittels Handrädern immer wieder Variablen
einzugeben hatte, welche das Gerät bereits kennt. Es gibt keine andere Tätigkeit am SPERRY, als
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stets „Marke auf Marke“ zu halten – wenn man von den Fernrohren absieht, die das Flugzeug (in der
Seite und in der Höhe) ja ebenfalls immer im Fadenkreuz halten müssen.
Flughöhe (rechts) und Lagewinkel (links) müssen am Rechner
andauernd von Hand „nachgeführt“ werden. Rechts unten das
Handrad zur manuellen Nachführung der Flughöhe, welche im
Gerät bereits bekannt ist (Eingang vom Telemeter her).
Am Geschütz: Der Kanonier stellt die Höhe des Rohres ein, gemäss
den Vorgaben des Rechners: Die Marke auf der zentralen Scheibe
muss auf die Marke des mittleren Ringes zu liegen kommen. Links
Grob-, rechts Feinbereich. Eingestellter Wert am Ring: 474 Promille
Verständnis und Interpretation dieser „Nachführungen“:
• Es ist eine einfache Tätigkeit, die womöglich auch unter Stress gelingt. Die benötigte Bewegung
geht vom Auge direkt in die Hand, man braucht dabei nicht zu „denken“.
• Die einzelnen Variablen werden durch das Rechenwerk in zahlreichen, hintereinander liegenden
mechanischen Getrieben verarbeitet. „Von Hand“ kann oder muss immer wieder mechanische Kraft
in den Rechenprozess eingespeist werden. Die elektrische Synchron-Übertragung vom Telemeter
zum Kommandogerät, und von letzterem zu den Geschützen liefert nur das Signal allein, aber nicht
die nötige Kraft, um die nachfolgenden Prozesse wirklich durchzuführen. Genauigkeit, Schlupf (bei
den Integratoren), Reibung und benötigte Kraft hängen miteinander zusammen.
• Wahrscheinlich ist der Mensch bei seiner „Nachführung“ in der Lage, allerlei Schwingungen und
Ruckelbewegungen automatisch auszugleichen und zu glätten. Womöglich erlauben erst diese
„leeren“, scheinbar unnötigen Handeingriffe eine genauere Rechnung (das liesse sich nur beurteilen,
wenn man ein voll angeschlossenes und in Betrieb stehendes Gerät sähe).
• Wird an einem Handrad eine bestimmte Grösse „nachgeführt“, so ist es nicht immer so, dass die
Bewegung des Handrades die dort bezeichnete Grösse verändert – per Nachführung mag auch eine
ganz andere, bisher unbekannte Grösse im richtigen Wert gefunden werden. So kann zwischen
Handrad und Nachfolgezeiger eine mathematische Operation eingebaut sein: der (unbekannte)
Eingang ist dann richtig, wenn der (bekannte) Ausgang korrekt eingestellt ist. Der Operator kann
durch die Nachführung des Folgezeigers also eine bisher unbekannte Grösse richtig finden. Beispiel
beim Sperry-Rechner (siehe in der nachfolgenden Beschreibung): Auffinden der unbekannten KartenDistanz zum Flugzeug durch korrekte Nachführung des bereits bekannten Lagewinkels (Vertikalwinkel zum Flugzeug). Der Mann hat das Gefühl, er führe den Lagewinkel nach, aber in Tat und
Wahrheit schraubt er an der Kartendistanz herum. Der Rechner sorgt rein mechanisch dafür, dass die
Gleichung [ tan Gamma = Höhe / Horizontaldistanz ] jederzeit stimmt, und der Operator muss
durch manuelles Verändern der Horizontaldistanz ein solches Gamma erhalten, das mit dem optisch
gemessenen Wert im Zielfernrohr übereinstimmt – jetzt entsprechen alle drei Variablen dem gegenwärtigen Zustand. Natürlich müssen sämtliche Grössen laufend dem Flug nachgeführt werden.
In späteren Jahren ist die „Nachführung“ immer mehr durch elektrische Lösungen automatisiert
worden, was Bedienungspersonal einspart. Beim hier besprochenen SPERRY-Typ wird nur eine
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einzige Grösse (in zwei Komponenten) automatisch nachgeführt. Die elektrische Nachführung scheint
heikel zu sein, weil es Schwingungen geben kann, weil die Nachführung genau und dennoch schnell
sein sollte, und weil (gemäss Ref. 1, p. 116) im stromlosen Zustand durch Hand-Manipulationen die
empfindlichen elektrischen Kontakte (mit Abständen von Zehntels-Millimetern) nicht verdorben
werden dürfen. Der SPERRY-Rechner hat allerdings eine ganz andere Nachführung, es sind keine
Zehntels-Millimeter-Kontakte vorhanden, wie in den Schemas von Ref. 1, p. 113-115 gezeichnet.
Bei einem der SPERRY-Vorgänger-Typen T6 (das CH-Gerät ist vielleicht T8, unsicher) haben allein am
Rechner sieben Mann je einen Folgezeiger bedient (engl.: follow the pointer) und per Handrad eine
Grösse eingestellt, die der Rechner bereits kennt. Dazu kamen drei Mann für Azimuth-, Höhen- und
Distanzmessung, plus pro Geschütz drei Mann, welche Azimut, Richthöhe und Zünder einstellen –
alles mit Folgezeigern (Illustration ab Internet gefunden). Deutlich sieht man hier die interne
Rückkoppelung der Geschoss-Flugzeit: Der Treffpunkt wird erst gefunden, wenn die Flugzeit der
Geschosse bekannt ist – und um die Flugzeit zu finden, benötigt man den Treffpunkt.
http://web.mit.edu/STS.035/www/PDFs/sperry.pdf
Funktionsbeschreibung des SPERRY-Gerätes (ev. T8, durch die schweizerische Armee
Versuchsweise angeschafft 1935):
Jeder „Strich“ im folgenden Schema bedeutet eine sich drehende Welle, welche einer Variablen
entspricht. Die Variable kann durch den Drehwinkel der Welle oder durch ihre Umdrehungsgeschwindigkeit dargestellt werden. An beiden Enden sind oft Zahnräder, um die Information um die
Ecken herum an die nächsten Stufen zu übertragen.
Rechtwinklige Koordinaten (Ost/West, Nord/Süd, Höhe) werden in Grün markiert
Polare Koordinaten (Winkel, Distanz) werden in Rot markiert
Zeiten werden in Blau markiert.
Ein kleines Quadrat mit Diagonal-Kreuz bedeutet Addition der zugeführten Grössen.
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Abkürzungen:
HR für Handrad
FZ für Folgezeiger
Variablen mit tiefgestelltem M bedeuten im Schema stets „.. für den Messpunkt“, für das Flugzeug.
Variablen mit tiefgestelltem T bedeuten im Schema stets „ .. für den Treffpunkt“, vor dem Flugzeug.
Das Funktions-Schema des SPERRY-Rechners stammt aus Ref. 1, p. 139.
A ) In / Out - Die Anschlüsse des Rechners an die Umgebung
Eingabe von Daten:
HR 4 (fein, zwei Geschwindigkeiten) und 5 (grob): Einstellung des Seitenwinkels, das ganze
(schwere!) Gerät wird über die Schnecke 6 seitlich zum Flugzeug gedreht, dann der Flugzeugbewegung fein nachgerichtet. Der Beobachter steht am Fernrohr 1 und folgt dem Ziel in der Seite,
d.h. im Azimut. Die Blickrichtung ins Fernrohr ist stets horizontal, auch bei hoch stehendem Flugzeug.
HR 8: Einstellung des Höhenwinkels. Der Beobachter steht am Fernrohr 2 und folgt dem Flugzeug
der Höhe nach. Die Bewegung des HR 8 wird einerseits zur Anzeige FZ 10 gebracht (grob und fein),
andererseits wird gleichzeitig mit dem Handrad die Welle 9 in der Höhe gedreht, auf der alle drei
Fernrohre sitzen. Fernrohr 3 in der Mitte dient dem Schiessleitenden zur Beobachtung der Schüsse;
er wird gegebenenfalls Hand-Korrekturen veranlassen.
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Das Telemeter ist ein stereoskopischer optischer Entfernungsmesser. In der Schweiz waren Röhren
mit 3 Metern Basislänge üblich, in Deutschland auch grösser bis 4m und 6m, ja selbst 8m und 12m
wurden bei Zeiss produziert. Beim SPERRY wird erstaunlicherweise nicht die Distanz, sondern die
Flughöhe dem Rechner übermittelt und am FZ 14 gross zur Anzeige gebracht. Das Telemeter verfügt
selber über Seitenwinkel, Höhenwinkel und Distanz, und kann deshalb die Höhe des Flugzeuges ohne
weiteres ausrechnen (ab 1942, vorher Zurufen der Distanz). – In der Schweiz steht das Telemeter
traditionell separat auf einem Stativ. In Deutschland und Frankreich waren die Telemeter fest mit
dem Rechengerät verbunden - durch die langen Röhren wird der Rechner schwerer und sperriger
gegen Drehungen, aber von schnellen Düsenflugzeugen war damals ja noch nicht die Rede.
Beim Gerät GAMMA-JUHASZ, beim britischen VICKERS, beim ṦKODA waren die Telemeter stets
getrennt auf einem eigenen Stativ aufgebaut. Es gibt Fotos (siehe später, p.14), wonach auch in der
Schweiz Versuche gemacht wurden, das aus dem GAMMA-JUHASZ folgende GAMMA-HASLER-Gerät
direkt mit dem Telemeter zu kombinieren, und alles auf einen schweren Anhänger zu stellen. Bei der
Truppe gab es nie derartige Ausführungen. Eine Direktmontage auf dem Rechner bedeutet, dass die
gemessene Entfernung zum Flugzeug sowie eingestellte Winkel automatisch vom Rechner übernommen werden (es braucht keine Kabel mehr, weniger Bedienungspersonal).
Ausgabe von Daten:
Vom Geber 52 her geht der Seitenwinkel zu den Geschützen, ab Geber 58 der Höhenwinkel mitsamt
der nötigen ballistischen Rohrerhöhung, und ab Geber 61 die Tempierung (Zeitverzögerung für den
Zünder des Geschosses). Technische Ausführung der Datenübertragung: siehe Bild unten, p.13.
Das Gerät hat zahlreiche Möglichkeiten zur manuellen Nachverbesserung der Schusslage. Sie werden
hier nicht besprochen, da sie einerseits zum prinzipiellen Verständnis des mechanischen Rechenvorganges nicht wichtig sind, und zudem leicht verständlich (abgesehen von der Windkorrektur). In der
Reihenfolge der Anordnung im Schema bedeuten die Hand-Korrekturen:
54 Seitenverbesserung
39 Parallaxe N/S
62 Tempierungskorrektur
30 Wind N/S
42 Parallaxe E/W
63 Parallaxe Höhe
31 Wind E/W
57 Höhenverbesserung Treffpunkt
16 Höhenkorrektur Flugzeug
Parallaxe: Das Rechengerät steht nicht mitten in den Geschützen, sondern wenige hundert Meter
daneben, ev. auch höher oder tiefer. Die Korrekturmöglichkeit der Parallaxe in der Höhe wurde am
Museums-Gerät in Dübendorf bisher nicht gefunden.
B) Ermittlung der Position des Flugzeuges: Polare > Rechtwinklige Koordinaten N/S und E/W
Der unveränderte, ab Fernrohr ermittelte Seitenwinkel zum Flugzeug dreht über eine Schnecke die
eine Scheibe mit dem Azimut-Schlitz des Koordinaten-Wandlers 25-27 (vgl. Bild, p. 11). Die darunterliegende Scheibe mit der eingravierten Distanz-Spirale wird über die Kartendistanz ekm (Projektion auf
die Geländeebene) eingestellt, welche mit HR 18 und 22 gefunden wird. Beim Koordinatenwandler
gibt die Spirale eine lineare Beziehung zwischen Kartendistanz (Drehwinkel der Scheibe) und Lokalabstand der eingravierten Rille zum Zentrum hin. Ein Zapfen, der durch alles hindurchgeht, zwingt die
beiden Schieber der rechtwinkligen Koordinaten auf ihre korrekte Position, so dass die Koordinaten
Ost/West und Nord/Süd abgelesen und weiterverwendet werden können. Die lineare Verschiebung
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der beiden Arme 27 wird per Zahnstange und Zahnrad gleich wieder in eine Drehbewegung
umgewandelt, die zu weiteren Getrieben geführt wird.
Zur Ermittlung der Kartendistanz wird eine raffinierte, abenteuerliche Lösung gewählt. Wenn γm
(Gamma) der Lagewinkel zum Flugzeug ist, und ekm die Kartendistanz zum Flugzeug, h die Flughöhe,
so gilt immer: tan γm = h / ekm. Mit dieser Beziehung wird ekm ermittelt: Die Flughöhe h ist vom Telemeter her bekannt und wird mit dem HR 13 nochmals neu eingestellt (FZ 14). Hebel 17 ist eine
Umschaltung zwischen Luft- und Seezielen (hier nicht besprochen). Die am HR 13 eingestellte Höhe h
dreht dabei den Formkörper 11, welcher horizontal durch die (noch unbekannte) Kartendistanz ekm
verschoben wird. Der Formkörper 11 löst jetzt die gesamte Gleichung tan γm = h / ekm auf, so dass der
Abtaststift 12 als Abstand von der Drehachse den Höhenwinkel γm ergibt (Formkörper: siehe Bilder
unten, p. 12). Die Verschiebung des Abtaststiftes 12 wird mit Zahnstange/Zahnrad in eine Drehbewegung umgewandelt. Dier gefundene Höhenwinkel γm wird mit den beiden HR 18/22 im FZ 10
dem per Fernrohr gemessenen Höhenwinkel γm angepasst – und damit ist die Kartendistanz ekm
korrekt gefunden worden! Der Formkörper 11 vereinigt eine trigonometrische Funktion und eine
Division (Funktionstabelle dreier Variablen).
Die gefundenen rechtwinkligen Koordinaten gehen einerseits in die Tacho-Generatoren 28 und 29,
wo die rechtwinkligen Geschwindigkeitskomponenten des Flugzeuges ermittelt werden. Die TachoGeneratoren sind eine Art Uhrwerk: eine feste Zeit lang wird die Weg-Zunahme ermittelt, die proportional der Geschwindigkeit ist. Andererseits werden die Flugzeug-Koordinaten auch gebraucht, um in
der Addition (40, 43) die jeweilige Vorhaltestrecke (E/W, N/S) dazuzuzählen, was die Koordinaten
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des Treffpunktes ergibt. Die werden dann wieder in Polarkoordinaten umgewandelt, mit dem
zweiten Koordinatenwandler 48.
Mit HR 18 wird die Karten- oder Horizontaldistanz verstellt. Um beim Flug nicht andauernd drehen zu
müssen, wird mit HR 22 die Distanz-Veränderungsgeschwindigkeit (Annäherung oder Entfernung,
nicht die Flugzeuggeschwindigkeit) eingestellt – welche mit einem Scheiben-Integrator schliesslich
zur Horizontaldistanz aufsummiert wird, und zwar so: Der Motor 20 treibt mit konstanter Geschwindigkeit eine runde Scheibe an, hier seitlich gesehen. Darauf angedrückt liegen zwei Kugeln oder eine
drehbare Mess-Scheibe, welche mit dem HR 22 mehr oder weniger weit vom Drehzentrum eingestellt wird, mittels Spiralgewinde. Die Kugeln oder die Mess-Scheibe teilen ihre Drehung der Walze 19
mit, welche schneller dreht, wenn die Kugeln weiter aussen sind. Distanz-Zunahme oder –Abnahme
sind beide möglich, da die Kugeln im umgekehrten Sinne drehen, wenn die Drehachse des Motors
überschritten wird. Der Bedienungsmann muss nur noch die sich langsam ändernde Radialgeschwindigkeit nachstellen. Ob die verlangte Angleichung des Lagewinkels mit zwei HR einfach zu bewerkstelligen ist, könnte nur die Praxis zeigen. HR 18 entspricht einer Integrationskonstanten.
C ) Ermittlung der Vorhaltestrecke und des Treffpunktes: Wie weit fliegt das Flugzeug während der
Geschossflugzeit ? Rechtwinklige Koordinaten
Geschwindigkeit mal Zeit gibt Wegstrecke: In den Multiplikatoren 32 bis 36 wird komponentenweise
die Flugzeuggeschwindigkeit (Handeingabe nach FZ) multipliziert mit der Flugzeit der Geschosse –
das ergibt die zusätzliche Flugstrecke des Flugzeuges bis zum Treffpunkt (Geradeausflug angenommen). Die Flugzeit der Geschosse wird der unteren Hälfte des Formkörpers 37 abgenommen, welcher
längs der Achse durch die Flughöhe verschoben wird, und in der Rotation durch die Kartendistanz ekt
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bis zum Treffpunkt. Formkörper 37 wird gegenüber Formkörper 55 nur mit halbem Winkel verdreht
bei einer Änderung der Kartendistanz. Zu jedem Paar Flughöhe / Kartendistanz muss (wohl aus
theoretischer Berechnung ?) die Geschossflugzeit bekannt sein, damit sich der Formkörper herstellen
lässt.
Der Ausgang der beiden Multiplikatoren entspricht der Wegstrecke des Flugzeuges während der
Geschossflugzeit. Diese Wegstrecke wird komponentenweise in den Summatoren 40 und 43 addiert
zur gegenwärtigen Position des Flugzeuges – bei dieser Addition entstehen die Koordinaten des
prognostizierten Treffpunktes. Auf diesen Punkt werden die Kanonen ausgerichtet.
D ) Umwandlung des Treffpunktes: Rechtwinklige > polare Koordinaten, Ausgabe an die Geschütze
Tempier-Information an die Geschütze
Die Geschütze brauchen aber Winkel, und nicht rechtwinklige Koordinaten. Im Seitenwinkel (Azimut)
kann der berechnete Vorhalt nicht einfach addiert werden. Deshalb müssen die Polarkoordinaten
neu errechnet werden aus den karthesischen Komponenten. Leider funktionieren die Koordinatenwandler nicht in der Richtung von der karthesischen zur polaren Form – das bedingt einen Umweg.
Im zweiten Koordinatenwandler 48 werden (vorerst provisorische) Werte für Azimut und Distanz
zum Treffpunkt eingegeben. Die daraus errechneten karthesischen Koordinaten E/W, N/S werden bei
44 und 45 verglichen mit den bereits bekannten korrekten Werten des Treffpunktes: der Eingang der
Koordinatenwandler wird durch zwei Motoren 46 und 47 so lange verändert, bis die karthesischen
Werte am Ausgang richtig sind. In diesem Moment ist der Eingang (Polarkoordinaten zum Treffpunk)
auch korrekt. Der Vergleich von Istwert und Sollwert erfolgt durch eine elektrische Nachführung
(punktiert). Die beiden Motoren ersetzen zwei Bediener, die an zwei FZ dasselbe machen würden.
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Allerdings ist die Nachführung hier heikel, denn beide zu findenden Werte (Distanz und Azimut zum
Treffpunkt) beeinflussen je beide karthesischen Koordinaten E/W, N/S! Die zwei Mann am FZ würden
einander gegenseitig stören. Die elektrische Nachführung ist deutlich komplizierter ausgeführt, als
im dargestellten Schema von A. Kuhlenkamp dargestellt, wo der Motor 47 für die Nachführung des
Azimutes einzig von der E/W-Komponente her gesteuert wird, der Motor 46 für die Distanz allein von
der N/S-Komponente. Die beiden Motoren, die im Ausgang zwar nur je eine Grösse verändern,
nehmen sich in Tat und Wahrheit den Eingang – je nach Lage des Treffpunktes – einmal von dieser
Quelle (Vergleich der E/W-Komponente), einmal von der anderen Quelle (Vergleich der N/S-Komponente). Das geht hervor aus der US-Patentschrift 2‘065‘303 aus dem Jahre 1933 resp. 1936 (Anmeldung resp. Publikation des Patentes ?). Die dort publizierte elektrische Ansteuerung der Nachführmotoren wird weiter unten im Anhang gezeigt, p.14/15: Zahlreiche Relaiskontakte beeinflussen den
Informationsfluss der elektrischen Nachführung! Es gibt sogar eine Hysteresis, damit die Motoren bei
speziellen Lagen des Flugzeuges nicht zu viel umschalten von einer Quelle zur anderen.
Der gefundene Seitenwinkel wird direkt zu den Geschützen übermittelt mit dem Geber 52. Die
Distanz zum Treffpunkt geht zu den Formkörpern 55 und 37, welche (zusammen mit der Flughöhe)
die Rohrelevation inkl. ballistischer Erhöhung ausrechnen (das „Fallen“ der Geschosse während der
Flugzeit muss kompensiert werden, Körper 55), sowie die Geschoss-Flugzeit zur Vorhaltberechnung
(Körper 37 unten), und die Tempier-Informationen zum Einstellen der Zünder (Körper 37 oben).
Bilder zum Kommandogerät SPERRY:
Der eine der zwei Koordinatenwandler
liegt ganz oben im Gerät (links unten
die Fussspitze des Fotografen, zum
Grössenvergleich).
Polare Koordinaten (Winkel, Distanz)
werden hier in rechtwinklige Koordinaten umgewandelt: Zuunterst ist eine
Distanz-Scheibe mit spiralförmig eingefräster Nut (Distanz proprtional zum
Drehwinkel). Darüber liegt die AzimutScheibe mit Schlitz, welcher dem Kompasswinkel zum Flugzeug entspricht.
Durch alles hindurch geht ein verschiebbarer Zapfen, welcher die beiden
rechtwinklig verschiebbaren Arme
mitnimmt: sie zeigen die reine Ost/West- resp. Nord-/Südverschiebung
des Zieles an. Mit Zahnstangen gibt es
Drehbewegungen, die weitergeleitet
werden. Rechts Synchro für die Höhenanzeige, Wert kommt vom Telemeter.
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Ein Formkörper (Bildmitte, hinter dem
Lochblech) ist eine präzis ausgefräste
dreidimensionale Tabelle aus Stahl. Sie
ist rotierbar (erste Variable), gut sichtbar sind auch die Kugellager zur LängsVerschiebung (zweite Variable). Abgegriffen wird das „Resultat“ horizontal
mit einem ortsfesten, auf die Oberfläche drückenden Stift, der im
nächsten Bild besser gezeigt wird:
Abstand von der Drehachse = dritte
Variable. Darüber das Additionsgetriebe des übernächsten Bildes, wo
eines der inneren Zahnräder sichtbar
ist. Schräge Zuführung des einen
Summanden. Im ganzen Rechner
werden gemäss dem Schema von A.
Kuhlenkamp total 13 Additionsgetriebe benötigt. Was hier addiert
wird, konnte nicht ermittelt werden.
Die Oberfläche des Formkörpers,
etwas seitlich gesehen. Hinten leicht
unscharf der Stift, der zu den beiden
Variablen Rotation und Längsverschiebung die passende dritte Variable
abgreift. Sofern dieser Rechner dem
von A. Kuhlenkamp 1943 publizierten
Schema entspricht, löst der Formkörper die Gleichung: Flughöhe (Rotation)
durch Horizontaldistanz (Verschiebung)
gleich Tangens des Höhenwinkels;
letzterer wird mit dem Stift abgegriffen
und von Hand gleich eingestellt wie der
gemessene Fernrohr-Höhenwinkel –
damit ist die Horizontaldistanz gefunden. H steigt: Drehung im Gegenuhrzeigersinn. Distanz steigt: Formkörper
nähert sich dem Beobachter. Unter
dem Formkörper (s. oben) ist eine
Heizung, davor die Wasserwaage.
Ein Additionsgetriebe, das einfacher
herzustellen ist als das klassische
Differentialgetriebe.
Im Inneren des hellen, runden, selber
rotierenden Gehäuses sind zwei Zahnräder (hier nicht sichtbar), je mit einem
der kleinen Peripherie-Räder im Eingriff
stehend. Die beiden Summanden
werden achsial eingeführt, vorne
sichtbar, hinten knapp – die Summe
besteht in der Rotation des runden
Gehäuses.
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Unten, auf beweglichem Rad:
Elektrische Kontakte, mit denen sich
die beiden Nachführmotoren selber
die passende Eingangsvariable suchen
(Koordinaten Nord/Süd oder Ost/
West), nach denen sie die Ausgänge
(Distanz, Azimut) nachregeln.
Vgl. das Schema aus der Patentschrift,
weiter unten im Anhang, p.15. Es muss
sich um die einander überlappenden
Abgreifkontakte handeln, etwa in der
Mitte der Zeichnung p.15.
Das ist eine effizientere Lösung als sie
im Schema von A. Kuhlenkamp gezeichnet ist (das sich allerdings bloss auf den
mechanischen Informationsweg beschränkt).
Einstellung der Parallaxe, d.h. der
horizontalen Entfernung zwischen
Geschützen und dem Kommandogerät.
Die Geschütze müssen in eine andere
Richtung zielen, als vom Rechner her
ermittelt. Die Ost-/West- und die Nord/Süd-Komponente ist je separat einstellbar. Die Einstellung für die unterschiedliche Höhe wurde (noch) nicht
gefunden. Durchmesser der Handgriffe
knapp ein cm. Diese Einstellungen sind
unter einem abschraubbaren Deckel
verborgen, sie müssen erst nach einem
Stellungswechsel neu eingestellt
werden.
Die Einstellung der Parallaxwerte
erfolgt mit den Korrekturknöpfen 39
und 42 im Schema – hier sind sie.
Links oben: Die Schnecke verstellt den
Winkel eines grossen Rades.
Elektrische Synchron-Übertragung von
Drehwerten zu den Geschützen, oder
vom Telemeter zum Kdo.gerät (Bild aus
den Unterlagen Dübendorf zu GAMMAJUHASZ, Anpassung an CH-Sprachen).
Die 3 Rotorspulen (beim Geber aktiv
eingestellt) bleiben auf beiden Seiten
parallel. Beim SPERRY wird es ähnlich
sein (ebenfalls 5 Kabel pro Kanal). Nur
Signal wird übertragen, keine Kraft!! In Ref. 3 ist auf p.41 ein MIWIKOGKdo.gerät abgebildet, bei welchem das
abgehende Kabel angeschrieben ist
mit: „Torsionskabel zur Datenübertragung“ – eine mechanische Lösung!
(plus elektrische Leitungen für Beleuchtung, Telefon). MIWIKOG ist von
K. Papello konstruiert worden, ev. 1937
oder früher. Ev. Abkürzg. für Militärisches Winkel-Kommando-Gerät.
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Versuchsgerät Gamma-Hasler 43 auf
Anhänger. Diese Form mit direkt
aufgesetztem Telemeter war nie bei
der Truppe in Verwendung. Seiten- und
Höhenwinkel zum Flugzeug sowie
Distanz (oder ev. Flughöhe) werden
direkter an den Rechner angekoppelt
als beim frei stehenden Telemeter.
Später kam eine Version GammaHasler 43/50 RS mit Bezug von Radardaten (anstelle des Telemeters) ab
Englischem Radargerät „Mark VII“. Das
war der Vorgänger des elektronischen
Analogrechners „Fledermaus“ und
„Superfledermaus“ von Siemens-Albis
(ca. ab 1963).
Anhang
-
-
mit besonderen Einzelthemen:
Elektrische Nachführung bei der Umwandlung der Koordinaten im Gerät SPERRY
Unklares zur Munition, zur Einstellung der Anfangsgeschwindigkeit beim SPERRY
Wie werden die Geschütze geladen ? Einstellung des exakten Zeitbedarfes
Kurvenflug
Vergleich zwischen Kommandogeräten unterschiedlicher Hersteller
A) Produzierte Geräte - dokumentierte Typen
B) Mechanische Elemente und verwendete Bausteine, Vergleich
C) Unterschiedliche mathematische Modelle zum Finden des Treffpunktes
D) Blick ins Innenleben des GAMMA-JUHASZ
E) Getriebeplan des Deutschen KdoGt 36 und des britischen VICKERS PREDICTOR
Der Rechner in der ganzen Flab-Batterie (für Flab-Laien)
Literatur
Elektrische Nachführung bei der Umwandlung von karthesischen zu polaren
Koordinaten
In der Patentschrift http://www.google.com/patents/US2065303 finden sich kurze Erklärungen zu
einem Rechner, der dem SPERRY-Gerät in Dübendorf sehr stark gleicht (Gehäuse und Prinzipschema).
Die Nummern der einzelnen Elemente stimmen hier nicht überein mit den Nummern im Schema von
A. Kuhlenkamp, der zehn Jahre später in Deutschland erbeuteten Geräte studiert hat (und diese
Patentschriften wohl nie gesehen hat). Um die Patent-Erklärungen zu lesen, braucht es etwas
Flexibilität, denn das automatische Einscannen hat zahlreiche Zeichen falsch erkannt (i statt 1, eine
null wird als acht gelesen, usw).
Die hier mit 83, 86 bezeichneten Kontakte ganz oben in der Fig. 8 sind die beiden Vergleicher 44 und
45 im Schema von Kuhlenkamp – einer liegt im Pfad der Ost/West-Komponente, einer im Pfad der
Nord/Süd-Komponente. Die diversen Relais-Kontakte wählen aus, welcher der beiden Nachführ14
motoren 96, 98 (bei Kuhlenkamp 46, 47) welchen Vergleicher als Eingang verwendet. Die Nachführmotoren regeln im Ausgang die beiden Grössen Azimut und Distanz.
Fig. 9 zeigt, dass es z.B. für den Treffpunkt T1 effizienter ist, mit der Ost/West-Komponente zu
spielen, um rasch Veränderungen der Distanz erzielen zu können (und Nord/Süd geht besser für
Veränderungen des Azimutes). Für Treffpunkt 1 muss also der Nachführmotor für das Azimut über
die Nord-/Süd-Komponente gesteuert werden, bei Treffpunkt 2 wäre es gerade umgekehrt.
Die beiden Nachführmotoren wählen sich mit dieser Schaltung den effizientesten Eingang zur
Steuerung selber aus! Die Sektor-Umschalter L, L1, L2, L3 in der Mitte des Schemas werden in einer
der fotografischen Aufnahmen weiter oben gezeigt.
Unklares zur Einstellung der Anfangsgeschwindigkeit
Im Formkörper 37 wird im unteren Teil die Flugzeit der Geschosse ermittelt, um daraus den Vorhalt
und damit den Treffpunkt zu bestimmen. Es ist nicht ganz klar, wie bei einer veränderten Munition
(oder schon nur bei stark unterschiedlichen Temperaturen) die Anfangsgeschwindigkeit v0 eingestellt
wird, denn bei veränderter v0 gleich den Formkörper 37 (und wohl auch Formkörper 55) auszubauen
und durch andere Körper zu ersetzen, wäre doch sehr aufwendig.
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An der 7.5 cm-Kanone im Museum Dübendorf sind mit roter Farbe zwei Markierungen gesetzt für
den Rücklauf des Rohres bei unterschiedlicher Anfangsgeschwindigkeit (für Schiessplatzbetrieb mit
dem Ziel-Schleppsack resp. für Kriegsmunition). Wie man diesen Rücklauf im grossen Pulverdampf
bestimmt, ist ein anderes Problem – aber jedenfalls ist die Anfangsgeschwindigkeit wichtig, denn
deren Änderung geht sehr direkt in die Trefferlage und die Flugzeit ein. Im Funktionsschema des
SPERRY ist keine v0-abhängige Nachstellung von Flugzeit oder Tempierzeit ersichtlich (sie müsste
zwischen Formkörper 37 und den Multiplikatoren erfolgen, denn nach der komponentenweisen
Aufteilung wären zwei Korrekturen erforderlich). Die Hand-Korrektur 63 korrigiert die in die Rechnung eingehende Flughöhe (d.h. die Telemeter-Unsicherheit und/oder die Parallaxhöhe). Dieser
Korrektur-Knopf 63 ist beim Dübendorfer-Gerät bisher noch nicht gefunden worden – das heisst aber
nicht, dass es ihn nicht gibt.
Da hier die Situation nicht ganz klar ist, sei eine Stelle bei Kuhlenkamp (Ref. 1, p. 143) wörtlich
wiedergegeben:
„Der Kurvenkörper kann nach der Höhe zusätzlich um einen durch den Bedienungsknopf 63 einstellbaren Betrag verändert
werden. Durch das Segment 64 wird die Spindel 56 zusätzlich verschoben, so dass eine Addition dieses Wertes zu dem
Messwert erfolgt. Der auf diese Weise einstellbare Wert ist der vertikale Stellungsunterschied, der zwischen -400 und +450
m liegen kann“.
(Als Höhenunterschied zwischen Geschützen und Rechner sind 400 m von der Kabellänge her unvorstellbar)
„Einige der innen- und aussenballistischen Einflüsse werden näherungsweise erfasst. Der Einfluss des Dralles wird durch
eine Verbesserung des Treffseitenwinkels, der Luftwichte durch eine Verbesserung der Anfangsgeschwindigkeit und die
Änderung der Anfangsgeschwindigkeit durch eine Verbesserung der Messhöhe berücksichtigt.“
In Ref. 1, p. 58 ist eine Flugbahnkarte abgedruckt für eine Normalflugbahn mit v0 = 607 m/s, sowie für eine um 5.5%
reduzierte Anfangsgeschwindigkeit v0, d.h. 573 m/s. Bei Flughöhe 3000m, Horizontaldistanz 3000 m, Rohrerhöhung 50°,
Flugzeit ca. 14 Sekunden, macht die Abnahme der Anfangsgeschwindigkeit um 5.5% in der Distanz ca. 120 m aus, um die
das Flugzeug verfehlt wird – das ist viel zu viel.
Die beiden roten Markierungen der Museumskanone in Dübendorf ( v0 = 550 m/s für Schiessplatz, mit Schleppsack) resp.
v0 = 805 m/s (für Kriegsmunition) entsprechen mehr als 30% Abweichung voneinander. Die ballistischen Körper des verwendeten Gerätes GAMMA-JUHASZ mussten deshalb ausgewechselt werden, wenn mit anderer Munition geschossen
wurde. Die erstmalige Berechnung und Herstellung der Ballistischen Körper muss sehr aufwendig gewesen sein.
Lässt sich am Versuchsgerät, das die Schweizer Armee zu Testzwecken kaufte, die Anfangsgeschwindigkeit wirklich nicht einstellen, und hatten die Schweizer z.B. eine andere Munition als die
Amerikaner, und einen zur Munition nicht passenden Formkörper – dann wäre es verständlich,
dass die Ergebnisse nicht zur Zufriedenheit der Schweizer ausgefallen sind.
Immerhin sind zum SPERRY-Rechner offenbar „passende“ Kanonen VICKERS gekauft worden (die dann durch SCHNEIDERCREUSOT-Geschütze ersetzt wurden, als man zum Kommandogerät GAMMA-JUHASZ überging)
„Die Flakartillerie in Dessau“ (www.militaermuseum-anhalt.de/Regionale Militärgeschichte) skizziert,
wie die Anfangsgeschwindigkeit der Geschosse gemessen wurde (Deutschland, zweiter Weltkrieg):
„Die Geschützrohre der Flak-Batterien standen unter ständiger Pflege und Kontrolle. Um ihre Präzision zu erhalten, mussten in regelmäßigen Zeitabständen die V-Null-Werte gemessen werden, das ist die Geschwindigkeit des
Geschosses beim Verlassen des Rohres. Während in der Heimat für diesen Zweck ortsfeste Stationen eingerichtet waren, zog im Bereich der Front ein motorisierter Trupp von einem Flakregiment zum anderen, um sich jedes
Geschütz vorzunehmen. Magnetisierte Geschosse wurden durch zwei Spulen hindurch geschossen, die in
genau bemessenem Abstand vor dem Geschützrohr aufgebaut waren. Die Zeit, die das Geschoss brauchte, um
von der ersten Spule zur zweiten zu gelangen, wurde durch die sogenannten Boulanger-Apparate ermittelt, von
denen – um die Genauigkeit der Messung noch zu erhöhen - gleich zwei in einem Sonderanhänger untergebracht
waren. Beim Durchfliegen des Geschosses durch die Spulen wurde durch das magnetische Feld des Geschosses ein Stromstoß erzeugt, der über ein Relais nacheinander zwei Fallgewichte im Boulanger-Apparat
auslöste, von denen das zweite kleinere ein Schlagmesser betätigte, das in das erste eine Kerbe schlug. Die
Fallhöhe maß man mit einer Lehre, woraus sich für jedes Geschütz der neue V-Null-Wert ergab. So war es
möglich, dass beim Feuern der Batterie die Sprengpunkte der Granaten in die genau vorgesehene Lage kamen.“
(( Le Boulengé, nicht Boulanger!))
Aus Ref. 3, p. 62, 63 wird nicht ersichtlich, wie im deutschen KdoGt40 die v0 eingestellt wurde (immerhin „Gebrauchsstufe“)
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Aus Ref. 1, p. 127-136 geht auch nicht hervor, wie beim deutschen KdoGt36 die v0 eingestellt wurde. Immerhin sind zahlreiche „ballistische Trommeln“ vorhanden, bei denen mehrere Korrektur-Blätter oder –Folien aufgewickelt wurden, und die
sich leichter auswechseln liessen als die Formkörper (unter anderem p. 131 zur „Gebrauchsstufe“ der Rohre: nach vielen
Schüssen ändert sich die Anfangsgeschwindigkeit). Bilder dieser Trommeln vgl. auch Ref. 3, p. 27, 29
Wie werden die Geschütze geladen ?
Wichtig ist die genaue Zeitkonstanz
Die Geschosse werden in die Tempiermaschine am Geschütz gesteckt, wohin der Rechner laufend die
richtige Zeitverzögerung meldet. Beim Ertönen der Feuerglocke wird das Geschoss tempiert, dann
müssen die schweren Patronen von Hand in den Lauf eingeführt werden, der Verschluss geht zu, und
beim Auslöschen der roten Lampe wird der Abzughebel fallen gelassen – der Schuss geht los.
Im Flieger-Flab-Museum Dübendorf:
Die 7.5 cm-Patrone steckt in der
Tempiermaschine, der Zünder an der
Spitze des Geschosses wird richtig
eingestellt. Anschliessend reisst der
Lader die Patrone heraus, dreht sie (in
diesem Falle um 90°, bei steilerem Rohr
noch mehr) und führt sie von hinten her
in die Kanone ein. Dieser Vorgang
dauert dank der Handarbeit nicht
immer gleich lange. Dem Rechner gibt
man die erwartete Ladezeitverzögerung
vorgängig ein.
Das Gewicht einer 7.5 cm-Patrone
betrug ca. 11 kg (Bofors, Schneider)
Vom Verlassen der Tempiermaschine bis zum Abschuss vergeht Zeit, die dem Rechner vorgängig mitgeteilt wird (Ladeverzug). Die Zeitverzögerung wird dem physischen Zustand der beteiligten Lader angepasst. Man kannte die Leute und wusste, wer wie schnell arbeitete. Alle Geschütze sollten möglichst gleichzeitig schiessen. Ab Auslöschen des roten Lichtes am Geschütz (Kögel p. 68) (ev. 3 maliges
Blinken, P. Blumer) muss mit möglichst geringer Verzögerung der Verschlusshebel losgelassen werden. Das rote Licht wird durch eine verstellbare Uhr am Geschütz eingestellt, getrennt vom Rechner.
Diese Darstellung basiert auf den Erinnerungen des damaligen Kan Kpl Ulrich Wegmann (Flab RS 1962 auf 7.5 cm) und gilt
für den in der Schweiz betriebenen Rechner GAMMA-JUHASZ und das 7.5cm-Geschütz SCHNEIDER-CREUSOT. Der SPERRY
wurde in der Schweiz nicht eingesetzt, aber der Vorgang dürfte überall ähnlich abgelaufen sein.
Im Betriebshandbuch (Museum Dübendorf) zum ungarischen Gerät GAMMA-JUHASZ wurde ein lose
eingelegter Zettel gefunden, auf dem sich jemand aufgelistet hat, bei wieviel Zeitfehler ein Fehler am
Ziel von 25 Metern*) nicht überschritten wird, was dank der Splitterwirkung noch als zulässig erachtet
wird. Titel der Liste: „Zulässige Tempierungsabweichung in 1/100-Sekunden, bei v0 = 805 m/s“. Bei
einer Flugzeit von 1 bis 2 Sekunden darf ein maximaler Zeitfehler von 0.03 Sekunden vorkommen, bei
einer Flugzeit von 10 Sekunden um die 0.06 Sekunden, bei einer Flugzeit von 20 Sekunden um 0.08
Sekunden – also durchwegs unterhalb einer Zehntelssekunde.
*) berechnet einzig nach dem Flugweg der Granate – zusätzlich kommt noch der Flugzeug-Weg dazu!
Ref. 3, p. 24, zum deutschen Kommandogerät 36: „Die für den Kommando- und Ladeverzug benötigte Zeit konnte am Gerät
eingestellt und somit berücksichtigt werden (in der Regel 13 Sekunden)“. Das ist fast nicht möglich!!? Andernorts findet
man viel kürzere Werte: drei b