Frühe Flugzeugvermessung durch mechanische Rechner bei der Fliegerabwehr: Kurvenflug-Rechner
Frühe Flugzeugvermessung durch mechanische Rechner bei der Fliegerabwehr:
Kurvenflug - Rechner
Übersicht zu dieser Arbeit:
Kurz vor der Gründung der Contraves AG verfasst Prof. Fischer eine „Denkschrift über die aktive
Flugabwehr“ (31.12.1935) und stellt sie hohen Kommandostellen der Armee zu. Darin wird begründet und gefordert, der Zielvorgang bei der Kanonen-Flab sei grundlegend neu zu studieren, weil mit
der bisherigen Art der Treffpunkt-Berechnung (Geradeausflug) die Aufgabe nicht gelöst werden
könne. Das war noch vor dem Aufbau der Schweizerischen Fliegerabwehr.
p. 2
Ein weiteres, am selben Tag datiertes Dokument ist das „Memorial Luftschutz“ der Generalstabsabteilung, mit dem die Organisation der Schweizerischen Flieger und Flugabwehr beginnt. Die Optik
der hohen Militärstellen aus dem „Memorial“ wird in dieser Arbeit verglichen mit den Gedanken des
Ingenieurs aus der „Denkschrift“ – sie unterscheiden sich beträchtlich.
p. 7
Anhand zweier Kommandogeräte wird gezeigt, wie die Kurvenflug-Extrapolation in den mechanischen Rechnern später tatsächlich realisiert worden ist. Beschrieben wird das Schweizerische Gerät
Gamma-Hasler 43 mit einer etwas einfacheren Konstruktion, sowie das weniger gut verstandene,
komplexere Kommandogerät 40 der Wehrmacht mit der ersten bekannten Kurvenflug-Rechnung.
p. 15
Schliesslich wird eine Chronologie der ersten Jahre der Schweizerischen schweren Fliegerabwehr
zusammengestellt, hauptsächlich aus der Optik der technischen Geräte (bis 1945).
p. 23
Eine weitere Chronologie erfasst die frühen Arbeiten der privaten Firma Contraves (erste Jahre).
p. 11
Diese Arbeit befasst sich mit der Kanonen-Fliegerabwehr, nicht mit den Fliegern. Einen ersten Überblick über die Geschichte der verwendeten Flugzeugtypen findet man unter: http://www.glique.ch/Infrastruktur/Auswahl.pdf
Viele weitere Beiträge zu den Flugzeugen unter: http://www.glique.ch/historyD.htm#Entwicklung und sehr viel unter:
www.wrd.ch
* * * * *
Treffpunkt-Prognose – Grundproblem der Flab:
Wohin muss zielen, damit nach langer Flugzeit (5 bis 20 Sekunden) die Granate gleichzeitig mit dem
Flieger exakt am selben Ort ist ?? Zuerst konnten alle Kommandogeräte (= Feuerleitrechner) den
zukünftigen Flugweg nur so in die Rechnung einbeziehen, dass sie einen perfekten Geradeausflug
angenommen haben: Konstante Höhe und Geschwindigkeit, fester Kurswinkel. Die Berechnung eines
Kurvenfluges war anfänglich noch nicht möglich, und selbst als das ab 1940 (Deutschland) resp. 1943
(Schweiz) gelang, war es immer noch eine regelmässige Kurve, die vor dem Schuss ausgemessen und
dann rechnerisch fortgesetzt wurde. Der Pilot konnte allerdings einen anderen Kurs fliegen – dann
zielt der Rechner auf einen falschen Punkt.
Die Rechner der Fliegerabwehr austricksen, damit man überlebt – das dürften die Piloten schon vor
der ersten Lektion selber gemerkt haben! In einem US-Ausbildungsfilm wird den Piloten zu folgendem Vorgehen geraten: Bei 12000 Fuss Höhe soll nie länger als 12 Sekunden geradeaus geflogen
werden, dann folgt ein markanter Kurswechsel (bei 20‘000 Fuss alle 20 Sekunden). Der Kurswechsel
1
soll mehr als 20° betragen. So wird die Prognose des Fliegerabwehr-Rechners am einfachsten in die
Irre geleitet! Das etwas lernen die Piloten schnell – im eigenen Interesse.
US-Film mit solchen Empfehlungen für die Piloten: https://www.youtube.com/watch?v=ywzk73ahf00
Die Empfehlungen an die Piloten sehen im Film so aus, als ob man immer nur einen Einzel-Flieger beschiessen würde. Wie
die Flugtaktik bei grossen Verbänden von Bombern aussieht, bleibt offen: Nach häufigen Kurven würde einfach ein anderes
Flugzeug getroffen, als das anvisierte ?? Sind Kurven-Manöver bei grossen Verbänden überhaupt möglich ?
Die Kommandogeräte waren zwar HighTech-Rechner, mit vielen Korrekturmöglichkeiten: Der Wind
konnte eingegeben werden nach Stärke und Richtung, auch die Lufttemperatur, die Parallaxe sogar
(Abweichung zwischen dem Ort des Rechners und der Kanonen in Distanz, Richtung und Höhe) –
aber gegenüber ungeplanten Bewegungen der Flugzeuge waren sie hilflos. Das mochte ein Grund
dafür gewesen sein, dass so wenige Flugzeuge von der Boden-Flab abgeschossen wurden (vgl. p. 6).
Schluss des Briefes von Oberstlt. Kraut vom 6.2.1938
aus Budapest an die Abteilung für Flugwesen und
Fliegerabwehr. Kraut ist im „Lehrkurs Gamma“, weil
die Schweiz im Sept. 1937 Kommandogeräte von
Gamma-Juhasz bestellt hat (15 Stück, später mehr).
Im Anschluss an den Kurs werden die ersten ausgelieferten Geräte abgenommen, was 2 bis 3 Tage
dauern wird.
Der Brief berichtet über ein kleines Tisch-Stereoskop, mit dem bei der ungarischen Flab im Theoriesaal und wetterunabhängig die zukünftigen Kandidaten für die Telemeterausbildung ausgewählt werden. Durch Handkurbel wird ein Index auf dieselbe
Distanz wie das Objekt eingestellt, ein Fehler der
Beurteilung ist am Gerät abzulesen.
Am Schluss noch die interessante Mitteilung, dass
bei Gamma-Juhasz an einer Kurven-Extrapolation
gearbeitet wird. (Zwei Jahre nach „Denkschrift“
und „Memorial“.)
Das KdoGt, das heute im Museum in Dübendorf
ausgestellt wird, hat auch den Jahrgang 1938. Die
erste Flab-RS 1936 arbeitete noch mit einem KdoGt
Sperry. Ein erstes Gamma-Versuchsgerät ist 1936
oder 37 geliefert worden. Eine zweite Serie von 15
Stück hat Fr. 1.2 Mio gekostet, ohne die Fahrzeuge.
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Die „Denkschrift Flugabwehr“
Verfasser: ETH-Prof. Dr. F. Fischer. Datiert: 31.12. 1935
Hauptsächlich die Kanonen-Flab ist im Fokus; zu den Fliegern werden keine neuartigen Gedanken geäussert (die
Flieger können die Angriffe ohnehin nicht abwehren).
Umfeld: Einige Leute kennen sich vom Studium her und möchten eine Firma gründen. Sie darf in der
Zeit prekärer Beschäftigungslage für keine bisherige Firma eine Konkurrenz darstellen, die Thematik
soll im militärischen und ballistischen Bereich sein (H. Brändli arbeitet in der Sektion für Schiess2
versuche in Thun), und die Themen der Flugabwehr sind anspruchsvoll, interessant, noch ganz
ungelöst und nach damaliger Beurteilung von landesweiter Wichtigkeit.
Die Firma wird bald gegründet und heisst „Contraves“, d.h. „gegen die Vögel“. Ihre Gedanken sind neu, anspruchsvoll, an
der Grenze der Realisierbarkeit. Die Zusammenarbeit mit den Militärbehörden gelingt während des ganzen zweiten Weltkrieges nicht richtig, der Ton war oft fast feindlich. Die Firma segelt finanziell am Abgrund. Die Armee will nichts kaufen,
was noch nicht entwickelt ist. Erst später in den 50er- und 60er-Jahren gelingt der Firma ein rasanter Aufstieg mit Radargesteuerten Fliegerabwehrgeräten, die in der Schweizer Armee gefragt sind und auch stark exportiert (bzw. im Ausland
hergestellt) werden.
Flieger:
Den eigenen Fliegern wird bezüglich Flugabwehr keine grosse Wirkung zugetraut – sie können den
Schutz des Landes nicht gewährleisten. Mit den damals üblichen Aufstiegsgeschwindigkeiten und
infolge der Kleinheit des Landes besteht zu wenig Zeit, um rechtzeitig zu den hochfliegenden
Bombern zu kommen – das halbe Land wäre schon überflogen, wenn es zum ersten möglichen
Kontakt kommt. Bei drei Angriffsrichtungen wird mittels errechneter Flugminuten gezeigt, wo die
ersten Kontakte frühestens stattfinden, bzw. dass die grenznahen Flugplätze nicht zu schützen sind.
Die feindlichen Bomber können ohne Beeinträchtigung durch unsere Jäger ihre Zerstörungsaufgabe
leicht und ungehindert ausführen. Alles wird mit Zahlen und Rechnungen belegt. Annahmen dazu:
Flughöhe der fremden Bomber:
Geschwindigkeit fremde Bomber:
4000 m
450 km/h
Steiggeschwindigkeit eigene Flz.: 1000 m/Min
Geschwindigkeit eigene Jäger: 320 km/h während Steigen
480 km/h horizontal
Optimales Meldewesen wird angenommen, ohne jede Verzögerung. Ein sofortiger Start der eigenen Flieger erfolgt beim
Grenz-Überflug der feindlichen Flieger. Die eigenen Flieger treffen direkt auf die Bomber, müssen nicht noch suchen. Der
Start erfolgt immer ab dem günstigsten Flugplatz.
Zitat: “Die durch die Abmessungen (des Landes) bedingten zeitlichen Verhältnisse liegen für uns
derart ungünstig, dass eine Lösung der Aufgabe durch unsere Flieger nicht Frage kommen kann.
Eine Modernisierung und Vermehrung unseres Flugzeugbestandes auf das Doppelte oder Dreifache
der heutigen Zahl würde an dieser Tatsache nichts ändern.“
Resultate der Flugzeitberechnungen für den Aufstieg ab
dem nächsten Flugplatz, sowie Flugzeit der feindlichen
Flieger im Horizontalflug. Schraffiert sind die Zonen der
erstmöglichen Begegnung zwischen den eigenen und den
feindlichen Fliegern. Die Flugplätze Bellinzona und Chur
werden als zerstört angenommen.
Rote Kurven: Flugzeit der Bomber ab Überflug der Grenze.
Schraffierte Kurven: Gestartet wird von Payerne für Kt. VD,
von Thun für das Berner Oberland, von Dübendorf für die
Innerschweiz und die Ostschweiz.
Derartige Karten gibt es drei: Angriff von Norden, von
Westen, und von Osten und Süden. Jeweils das halbe Land
kann ungestört bombardiert werden. Das sind mathematische Resultate auf Grund der Flug- und Steigzeit; die Praxis
wird noch schlimmer sein.
Leicht Kontrast- und Farb-verstärkt.
Bei einem Angriff aus Deutschland und Oesterreich findet die erste mögliche Begegnung der Flieger
(ca. 6 bis 8 Flugminuten nach Grenzübertritt) statt über der Linie Franches Montagnes – Bucheggberg
– Pilatus (ohne Dübendorf) – Wassen – Vorderrhein – Splügen (ohne Chur) – Maloja. Nördlich und
östlich dieser Linie können Zerstörungen und Bombardierungen prinzipiell nicht verhindert werden
durch die eigenen Flieger. Es wird angenommen, dass die eigenen Flieger sofort bei Grenzübertritt
3
der feindlichen Bomber starten und sie auch auf Anhieb finden. Regelmässige Funkverbindungen sind
noch nicht verfügbar.
Bei einem Angriff aus Frankreich findet die erste mögliche Begegnung der Flieger statt über der Linie
Zurzach – Aarau – Willisau – Bucheggberg – Murten – Zweisimmen – Leuk – Weissmies (wenn nur
Payerne ausgefallen ist). Westlich dieser Linie können Zerstörungen und Bombardierungen prinzipiell
nicht verhindert werden durch unsere eigenen Flieger. Ab Thun müsste man starten, um die Flugzeuge zu
treffen vom Simplon bis Gruyère, ab Bern müsste man starten für Treffen von Gruyère bis Willisau, ab Dübendorf für
Treffen zwischen Willisau und Zurzach.
Bei einem Angriff aus Italien und Oesterreich findet die erste mögliche Begegnung der Flieger statt
über der Linie Nyon – Montreux – Gstaad – Wildstrubel – Zweilütschinen – Meiringen – Pilatus –
Sisikon – Uznach – Frauenfeld – Mammern (wenn Chur und Bellinzona ausgefallen sind). Südlich und
östlich dieser Linie können Zerstörungen und Bombardierungen prinzipiell nicht verhindert werden
durch eigene Flieger. Bild oben
Das sind optimale Verhältnisse. „Beim heutigen Stand der Technik unserer Flugzeuge liegen die
Verhältnisse noch deutlich ungünstiger als sie hier dargestellt worden sind. Ferner ist in der Praxis
mit einem Verzug im Meldedienst zu rechnen, indem es den feindlichen Flugzeugen möglich ist, bei
Nacht und mit abgestelltem Motor von der Landesgrenze aus wichtige Punkte unseres Landes zu
erreichen.“ (Denkschrift p.11)
Es gibt zur Zeit der „Denkschrift“ 1935 die folgenden Flugplätze, ab denen die militärischen Flieger starten und landen:
Payerne, Belpmoos, Thun, Dübendorf, Chur, Bellinzona.
Es heisst im Text ausdrücklich Chur, es ist wohl Plarenga/Ems gemeint. Alle diese Flugplätze hatten 1935 noch Graspisten.
Bis zum Kriegsende sind dazugekommen (diejenigen mit schon ursprünglich längeren Pisten): Raron 1.5 km *, Saanen 1 km
sowie mit ursprünglich kürzeren Pisten typ. 900 m, Stand 1945 ( * sind später verlängert worden):
Alpnach *, Ambri *, Buochs *, Emmen *, Frutigen, Interlaken *, Kägiswil, Lodrino, Meiringen *, Mollis *, Münster,
Reichenbach, Samedan *, Sion *, St. Stephan *, Turtmann *, Ulrichen *, Zweisimmen
Der Aufwand zum Bau dieser Flugplätze muss gewaltig gewesen sein. Nach einer Liste von Hans Giger (25.2.03) sind in den
Jahren 1940-42 vier Flugplätze gebaut oder in Betrieb genommen worden (Samedan, Emmen, Interlaken, Payerne), und im
Jahr 1943 deren 17.
Es gab noch eine Reihe kleinerer Flugplätze, gemäss einer Aufstellung von W. Dürig im Jahre 1939:
Bleienbach, Bözingen, Grenchen, Kloten, Lausanne, Riaz, Spreitenbach, Utzenstorf.
Zum raschen Auffinden der Flugzeuge wäre ein Funksystem praktisch:
Ein Funksystem zur Kontaktaufnahme mit den Piloten war zur Zeit der „Denkschrift“ noch nicht
einsatzfähig. Es folgen dazu Zitate aus www.wrd.ch (FF-Truppen / Flieger- und Fliegerabwehrtruppen bis 1943,
Seite 10, Seite 23):
1935: Ein kleiner Teil der Flotte war mit Langwellenfunkgeräten FG I ausgestattet. Die Kommunikation erfolgte mit
Morsetelegraphie durch den Beobachter (d.h. nur bei Zweisitzer-Flugzeugen) und war praktisch nicht brauchbar.
1939: Mitte August 1939 beantragte das Kommando der Flieger- und Fliegerabwehrtruppen die Beschaffung von 189
französischen Flugzeugfunkgeräten FG IX. Im Mai 1940 standen drei Geräte für die Erprobung zur Verfügung. Sie wurden als
ungenügend beurteilt. - Im September 1941 waren 22 Flugzeuge mit diesen Geräten ausgerüstet. Die Verfügbarkeit war
aber vollkommen ungenügend. Der Sprechfunk zwischen den mit Funk ausgerüsteten Flugzeugen war auf einige Kilometer
möglich, sofern die Geräte nicht «ausstiegen». Die Kommunikation mit Bodenleitstellen war nur sehr beschränkt möglich.
1939 waren im Kurzwellenbereich insgesamt 12 mobile Flugfunk-Bodenstationen mit 1,2 Kilowatt Leistung und 10
schwächere Bodenstationen vorhanden.
1970: Ein raumdeckendes Flugfunksystem stand erst ab 1970 zur Verfügung.
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Bodenabwehr mit Flab-Kanonen:
Es wird in der „Denkschrift“ klar und mit grosser Deutlichkeit gezeigt, dass die Kanonenabwehr mit
den bestehenden Kommandogeräten (etwa sieben Konstruktionen seien im Handel) ihre Aufgabe
nicht erfüllt, sobald die feindlichen Flieger nicht mehr schön geradeaus fliegen. Alle damals bestehenden Geräte haben bloss eine lineare Extrapolation; das mag für Geradeausflüge funktionieren, versagt aber bei Kurvenflügen.
Mit abenteuerlichen Flügen (Spiralbahnen längs horizontalem Zylinder) und mit Errechnung von Millionen von benötigten
Splittern wird gezeigt, dass man die nötige Geschützzahl resp. die Finanzen zur Beschaffung von unwahrscheinlich viel
Munition gar nie aufbringen kann. Die Spiral-Flüge mögen zur rechnerischen Abschätzung ev. Vorteile haben (??) – vom
Piloten und vom Treibstoffbedarf her erscheinen sie exotisch und unrealistisch.
Es werden nicht nur die fatalen Konsequenzen eines unregelmässigen Kurvenfluges gezeigt, welche
eine Wirkung der Boden-Flab verunmöglicht. F. Fischer fordert ein exaktes Studium der Zielmöglichkeiten, wobei er ehrlich und konsequent nicht etwa beim Kurvenflug endet. Eine perfekte Kurvenflug-Extrapolation der Feuerleit-Rechner nützt auch nichts, wenn der Pilot kurz vor oder nach der
Betätigung der Geschütze seine Kurve noch ändert! Sobald die Klappen des Fliegers betätigt werden,
herrschen wieder ganz neue Bedingungen. F. Fischer hat die Nerven, eine Beschiessung des ganzen,
theoretisch möglichen Raumes in Erwägung zu ziehen, welchen das Flugzeug in den Sekunden bis
zum Treffer überhaupt noch erreichen kann. Er nennt das Ausmass der zu beschiessende Flächen bei
gewissen Annahmen von Geschwindigkeit und Kurvenradien – es gibt riesige Flächen! Das müsse nun
genau und gründlich studiert werden, und daran solle sich der Bund beteiligen. Die Entwicklung
einer tauglichen Methode zum Beschiessen von Luftzielen sei, so die Meinung Fischers, die wichtigste Aufgabe der Landesverteidigung (siehe Bild unten links). Dies zu einer Zeit, als noch kein
einziger Fliegerabwehr-Rechner im Lande steht, und vermutlich weltweit noch nirgends auch nur
eine normale Kurvenflug-Extrapolation realisiert worden ist: Der Professor denkt schon weiter.
Umgekehrt nimmt Fischer ganz selbstverständlich an, dass die Technik auch bei den Bombern Fortschritte macht: „Damit
die Piloten ihre Aufgaben im Kurvenflug durchführen können, werden Einrichtungen wie stabilisierte Photographenapparate und Bombenabwurfzieleinrichtungen für den Bombenabwurf im Kurvenflug eingeführt.“ (Ähnlich wie Autopilot, kein
grosser Mehraufwand). „Zur Durchführung bestimmter Kurvenflüge wird das Flugzeug mit Einrichtungen ausgerüstet, die
den Piloten weitestgehend entlasten, d.h. die Kurvenflüge werden halb oder voll automatisiert. Auch dies bedeutet nur
geringfügige Zusätze zu einem Autopiloten.“ (Denkschrift p. 23)
Fischer scheut sich nicht, ganz neue und unkonventionelle Lösungen ins Gespräch zu bringen:
„Eine weitere Einsparung von Munition kann dadurch erzielt werden, dass man nur dann Schüsse abgibt, wenn unter
Beachtung der dem Kommandogerät zugrunde liegenden Extrapolationsmethode Treffer überhaupt erwartet werden
können. Es wird daran gedacht, den Mechanismus des Kommandogerätes von einem Mann (im Folgenden Bodenpilot
genannt) bedienen zu lassen, der die gleichen Funktionen auszuführen hat wie ein Flugzeugpilot. Der Bodenpilot befindet
sich beispielsweise in einer Kabine, die dem Führerstand eines Flugzeuges ähnlich ist. Er betätigt Seiten- und Höhensteuer,
sowie den Gashebel eines Flugzeuges (im Folgenden Scheinflugzeug genannt), das in Wirklichkeit nicht existiert, für dessen
Ort und Bahn aber das Kommandogerät die Zielpunkte errechnet. Der Bodenpilot beobachtet das zu beschiessende Flugzeug nicht selbst. Die Beobachtungswerte des zu beschiessenden Flugzeuges werden auf einen Rechenapparat übertragen,
der die Koordinaten des Flugzeuges bezogen auf den Ort und die Lage des Scheinflugzeuges errechnet. Das zu beschiessende Flugzeug wird dem Bodenpiloten als Zielscheibe in Form einer Kugel plastisch (stereoskopisch) vor Augen geführt,
derart, dass er so zu handeln hat, als ob er in einem wirklichen Flugzeug fliegen würde und das zu beschiessende Flugzeug
(die Kugel) zu rammen hätte. Er verfolgt das Flugzeug (die Kugel) und veranlasst nur dann die Schussabgabe der schiessenden Batterien, wenn es ihm gelingt, einen genügend kleinen Abstand von der Kugel für einen gewissen Zeitabschnitt
einzuhalten.“ (Denkschrift, p. 39/40)
Ob sich derartige Aussichten in technisches Neuland auf hohe Militärstellen eher verlockend oder
verunsichernd ausgewirkt haben ? Es ist anzunehmen, dass zusätzlich auch mündliche Erklärungen
geliefert wurden. Zwei Diskussions-Tage im Frühjahr und Herbst vor der „Denkschrift“ sind belegt.
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Schluss der zweitletzten Seite der Denkschrift. Der Thematik wird grosse Wichtigkeit zuerkannt
Zitat aus Ref. 4: „Das Echo (auf die Denkschrift) fiel sehr entmutigend aus“. Diese Erfahrung
mit den Armeebehörden, besonders mit der KTA, wird die im März 1936 gegründete Firma
Contraves AG später noch mehrfach machen.
Titelblatt des erhaltenen Contraves-Exemplars der „Denkschrift“ (antiquarisch aus Deutschland gekauft). Das Exemplar von Oberstdiv. Bircher ist an der ETH erhalten. Turrettini und Sontheim werden Verwaltungsrat der Contraves.
Herr Sontheim ist Direktor beim Albiswerk Zürich, welches Siemens & Halske gehört (war früher ev. wichtig wegen der
Rüstungsbeschränkungen in Deutschland, vgl. Ref. 6, p.29). Herr Turrettini kam von der Société Genevoise d’Instrument de
Physique SIP. E.G. Bührle besass die Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon WO. Albiswerk, SIP und WO beteiligten sich ab der
Gründung an der Contraves AG. Dr. E. Dübi kam von den Von Rollschen Eisenwerken in Gerlafingen und war ArtillerieOberst, ab 1937 oder 1938 Artilleriechef des 1. AK. Den Dr. h.c. hat er 1942 / 1944 erhalten durch Uni Bern / ETH (Titel und
Vornamen im Verteiler: nachträglich dazugeschrieben). Zitat: „… waren doch die Produkte des Stahlwerkes in Gerlafingen
für die Landesverteidigung von eminenter Bedeutung.“ (Nachruf von Ernst Gehrig, Schweiz. Naturforschende Gesellschaft,
1948). Oberst Büchi: wahrscheinlich Alfred, kam aus Winterthur, arbeitete bei Sulzer, stammte aus der Artillerie und war
Kdt Art Br 6.
Nie ist in der ganzen „Denkschrift Fliegerabwehr“ von grossen Bomberverbänden die Rede. Die Verhältnisse beim Kurvenflug dürften bei grossen Verbänden deutlich anders liegen als bei Einzelfliegern.
*
*
*
*
Lange nach dem Verfassen der „Denkschrift Flugabwehr“ schiessen in Europa die Fliegerabwehrkanonen. Die Wirkung der schweren Fliegerabwehr im zweiten Weltkrieg war gar nicht gut: Es
brauchte viele tausend Schüsse, um einen Flieger zu treffen oder zur Notlandung zu zwingen. In den
grossen Städten Deutschlands oder in Wien scheint sich die Bevölkerung gefragt zu haben, wieso
eigentlich nicht mehr Flieger getroffen werden, wenn derart viel geschossen wird. Die folgenden
Angaben aus Ref. 3, p. 165 zeigen die Verhältnisse in der Schweiz für den gesamten Krieg 1939-45:
Insgesamt notgelandete und abgestürzte fremde Flugzeuge: Total 218
Davon abgeschossen durch die Flieger:
16
Abgeschossen durch die Flab aller Kaliber:
10
(9 Alliierte, 1 Achsenmächte)
Für die Kanonen-Flab wird der folgende Munitionsverbrauch aufgelistet, ebenfalls über alle Kriegsjahre aufsummiert:
Verschossene Munition 7.5 cm Reichweite ca. 6 km:
12‘094 Geschosse
Verschossene Munition 34 mm, Reichweite ca. 3 km:
6‘824 Geschosse
Verschossene Munition 20 mm, Reichweite ca. 1.5 km:
5‘791 Geschosse
6
Aus Deutschland, wo die Flab-Stellungen wirklich im Feuer standen, werden noch höhere Geschosszahlen vermeldet, um
einen Flieger abzuschiessen. Aus http://www.mil-mod.de/html/fla-kanonen.html geht hervor, dass zu Beginn des Krieges
bei der deutschen Flakartillerie (nach Expertenmeinung die modernste und effektivste der Welt) etwa 4200 Schuss der
schweren Flak erforderlich waren, um einen Bomber abzuschießen, während Anfang 1944 zwischen 15.000 und 17.000
Schuss benötigt wurden (später schlechter ausgebildetes Personal an den Kanonen, sowie mehr Erfahrung der alliierten
Flieger).
Die Angaben zum Erfolges eines Beschusses sind immer unsicher: Der Flieger kann nach einem Treffer erst viel später
abstürzen, wenn etwa ein Treibstoffverlust auftritt, in der Nacht sieht man viel zu wenig, usw. Was ein Treffer war, wird
nicht immer klar gewesen sein, zumal nur aus einer Richtung beobachtet werden kann.
Die Contraves hatte auch später kein Glück mit der Militärverwaltung, welche nur ausgereifte und fertig entwickelte Geräte
kaufen wollte. Die „Denkschrift über die aktive Flugabwehr“ hat
kein Interesse der Militärbehörden ausgelöst, die vorgeschlagenen
Entwicklungen an die Hand zu nehmen oder mindestens zu unterstützen. Andererseits: Die Ideen sprengten die Möglichkeiten der
jungen Firma bei weitem. Es gab Diskussionen bei der Contraves,
ob man ein eigenes Kommandogerät entwickeln solle, das wurde
aber verworfen.
Als nächste Idee wurde in Betracht gezogen, den Zielfehler mit
Hilfe einer relativ komplexen Anlage namens Oionskop mindestens
zu erfassen (selbst ohne scharfen Schuss), zu registrieren, zu beschreiben. Vielleicht war der Hintergrund: „Wenn die Militärs
schon keine Ahnung von den Kurven-Fehlern haben, so müssen wir
es ihnen eben zeigen“. Das Dokument links aus einer frühen Oionoskop-Version zeigt deutlich, wie falsch die Schüsse liegen bei der
bisherigen linearen Extrapolation, sofern der Pilot Kurven fliegt.
Überliefert ist die Hoffnung der Contraves, mit Hilfe des Oionoskops die Überlegenheit eines ev. später zu entwickelnden eigenen
Kommandogerätes sauber zu dokumentieren (Ref. 4, p.9)
Gezeichnet wahrscheinlich Dezember 1936, frühe Oionoskop-Ideen
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Das „Memorial Luftschutz“ Verfasser: Hans Bandi, Generalstab. Datiert: 31.12.1935
Unterzeichnet: Heinrich Roost, Generalstabschef.
Die Flieger sind hier stärker gewichtet als die Boden-Flugabwehr.
Umfeld:
Im ersten Weltkrieg wurden die vereinzelten Flieger eher für Hilfs- und Beobachtungaufgaben
eingesetzt, sie halfen bei den Operationen der Bodentruppen. Das ändert sich jetzt, die Luftwaffen
übernehmen eigene Aufgaben. In der Schweiz ist man weder vorbereitet noch gerüstet – man reibt
sich die Augen und schaut, was genau passiert, was das für unser Land bedeutet. Ab jetzt Inhalt:
Flieger:
14 Seiten
Grosser Respekt vor den überraschenden Fliegerangriffen. Geländebefestigungen nützen nichts
mehr, Angriffe sind auch hinter den Fronten möglich, Überraschungseffekt. Entwicklung der Flieger
und ihrer Bewaffnungen: Einsitzer mit festen Geschützen, Zweisitzer mit beweglichem Maschinen7
gewehr nach hinten und seitlich, grosse Luftkreuzer. Schnellere Jäger schützen die Bomber.
Anschaffungs- und Unterhaltskosten sind sehr hoch.
Unsere eigenen Jagdflugzeuge sind überholt und untauglich. Die Mittel reichen nie, eigene Luftflotten zu bauen, die denjenigen der Nachbarländer ebenbürdig sind. Beim Ausbau der Qualität und
der Ausbildung dürfen wir nicht mehr zuwarten. Zitat, analog der Denkschrift F. Fischer (dort
vielleicht noch kompromissloser formuliert):
„Berechnet man die Zeit, die verstreicht, bis eine feindliche Bomberstaffel vom Beobachtungs- oder Horchposten über die
Melde- und Auswertezentrale zur startbereiten Jagdstaffel gelangt, und bis letztere die Höhe erreicht hat in der sich der
Angreifer befindet, …., so wird man ohne weiteres einsehen, dass die Auswirkungen einer solchen Sperrtaktik sehr gering
sein werden. (Erschwerend: Änderung der Formationen, Scheinmanöver, lautlos segeln aus grosser Höhe…) In all diesen
Fällen wird nicht nur ein zeitiges Starten der Abwehrflugzeuge in Frage gestellt, sondern die Folge all dieser Möglichkeiten
kann sein, dass die ganze Luftschutzorganisation wirkungslos wird und der gegnerische Bomberverband ruhig vorbeizieht.“ Besonders schwierig wird die Situation, wenn das Angriffsziel noch gar nicht bekannt ist.
Die Bedenken von F. Fischer werden bestätigt: Eigene Flieger können die fremden Flieger nicht gross
behindern – nur verklingt diese Einsicht im „Memorial“ ohne grosse Konsequenzen.
Dieselbe Erkenntnis ist gefunden worden in der Botschaft des Bundesrates an die Räte vom 4. Juni 1934 betr. passiver Luftschutz der Zivilbevölkerung, p.389 – das Land ist zu klein, die feindlichen Flieger kommen zu schnell, in zu kurzer Zeit.
Ein Ausbau der Flieger-Melde- und Beobachtungsdienste wird gefordert, funkentelegraphische
Verbindungen sind wichtig. Immerhin kann man dem Gegner die Arbeit erschweren, Abschüsse
gelingen vielleicht erst auf dem Rückweg.
Forderungen:
Luftwaffe muss selbständig Offensivaufgaben lösen. Es ist immer mit einem Luftkampf zu rechnen.
Flugzeugtypen: Für Fernaufklärung und Sicherung: Rascher Kampf-Zweisitzer mit Kanone und MG,
mit Nutzlast-Reserve. Für Nahaufklärung und Abwehrkampf: ein rasches, gut bewaffnetes Jagdflugzeug mit guter Steigfähigkeit. Ein rascher Bomben-Mehrsitzer mit grossem Aktionsradius. Falls
die Verkehrsflugzeuge immer wieder wechseln, lassen sie sich nicht als Bomber benutzen. „Die
Gesamtzahl der nötigen Flugzeuge kann erst dann berechnet werden, wenn entschieden ist, welche Aufgabe der Luftwaffe in Zukunft zufällt, d.h. ob unser Antrag zur Ausführung gelangt, oder ob
man sie weiterhin nur als Hilfswaffe vorsieht und sie damit als Hauptfaktor des Landesluftschutzes
ausschalten will.“
Ersatz von Material und Personal: „… kann nur durch die Schaffung einer einheimischen, entsprechend leistungsfähigen Flugzeug- und Flugzeugmotorenindustrie gelöst werden.“ Sicherstellung der
Betriebsstoffe.
Aktive Flugabwehr mit Kanonen („Erdabwehr“):
4 Seiten
Es gibt grosse Meinungsunterschiede:
„Die eine Gruppe möchte den gesamten aktiven Heimatluftschutz der Erdabwehr übertragen, wogegen die andere mehr
oder weniger auf defensive Luftabwehr- (Jagdflugzeuge) und Erdabwehrmittel zugunsten einer starken offensiven Luftflotte
verzichten möchte.“
Die Kanonen haben sich in den letzten Jahren nicht sehr stark entwickelt, dagegen die Kommandogeräte, Scheinwerfer, Richtungshörer.
Das Kommandogerät „verbessert nur die Bereitschaft, die Feuergeschwindigkeit, und damit die Treffererwartung, nicht
aber die Schussweiten, also die eigentliche Wirkung der Erdabwehrkanonen.“ Fliegen die Bomber auf 6000 m, sinkt der
Wirkungsgrad der Erdabwehr auf null – aber auch die Bomber können von so hoch nicht mehr gut zielen – was bei
Flächenangriffen eine untergeordnete Rolle spielt. Zugunsten der Erdabwehr spricht die hohe Bereitschaft bei Tag und bei
Nacht, erfordert aber eine grosse Zahl an geschultem Personal, ansonsten auch das sinnvollste Kommandogerät nichts
nützen wird. Viel Übung ist erforderlich. „Es muss genau erwogen werden, welche Objekte und Lufträume durch
8
Fliegerabwehr-Batterien mit allem was dazugehört geschützt werden müssen, ansonst hiefür Geldsummen und ein
Personalaufwand nötig würden, die … überhaupt nicht aufgebracht werden könnten.“ Bezifferter Aufwand für den
Luftschutz von London 1918, mit Anzahl Flz, Geschütze, Scheinwerfer, 15‘000 Mann – gegen etwa 40 deutsche Maschinen.
Wenn man das auf heute hochrechnet, wären Tausende von Fliegerabwehrgeschützen, Hunderte von Jagdstaffeln nötig.
„Zusammenfassend halten wir die Schaffung einer Erdabwehr, vor allem einer niedrigen Erdabwehr durch Kleinkalibergeschütze, bzw. überschwere Maschinengewehre, ohne die komplizierten und die Ausbildung erschwerenden Kommandogeräte, für den Schutz der wichtigen Objekte und Punkte als eine unentbehrliche Ergänzung des Luftschutzes.“ Auch
ein Schutz der Städte ist nötig. Solche Erdabwehrwaffen müssen auch der Armee für den Luftschutz an der Front … zugeteilt
werden. „Ob man… die für die Armee vorzusehenden Fliegerabwehr-Batterien den Armeekorps … unterstellen will oder
sie mit der Luftwaffe zusammenhält, … ist von der Gesamtorganisation des Landesluftschutzes abhängig.“ (Das war
offenbar die grosse Streitfrage).
Die zentrale Leitung des Luftschutzes
10 Seiten
Bandi befürwortet klar und deutlich eine zentrale Leitung des gesamten Luftschutzes.
Das Beobachtungs- und Alarmwesen lässt sich nicht in einen zivilen und einen militärischen Bereich trennen. Die kurze
Zeitspanne bedingt eine sofortige Auslösung des Fliegeralarms von der militärischen Meldezentrale aus. … „und die
Innenbeleuchtung der Häuser muss dauernd durch entsprechende Vorrichtungen gegen Aussen vollständig abgeblendet
werden“ (Idee schon 1935!!). „… dass auch die Organisation in Städten einer straffen militärischen Führung für Aufbau,
Ausbildung und Durchführung des passiven Luftschutzes bedürfen.“
„Nach der heutigen Organisation des passiven Luftschutzes hängt es von der Einstellung des Kantons, ja der Gemeinden ab,
ob wirklich seriöse Arbeit geleistet wird. Je nach der politischen Zusammensetzung oder der sonstigen Einstellung zum
Luftschutzgedanken wird etwas getan oder in Obstruktion gemacht (siehe Genf).“ (Auf was bezieht sich das ?)
Auch die gesamte Luftwaffe soll unter die einheitliche Leitung gestellt werden. Eine Trennung zwischen offensiven und
defensiven Luftstreitkräften ist kaum zu machen.
Aktive Erdabwehr (= Kanonen-Flab): der zentralen Luftschutzleitung unterstellen oder der Artillerie ? Es gibt eine gewisse
Verwandtschaft vom Material her. „Wie bereits gesagt, werden wir aber das Hauptgewicht auf die leichte Erdabwehr
legen müssen und Fliegerabwehrbatterien mit ihren komplizierten Kommandogeräten nur für die grossen Städte und
allerwichtigsten Punkte einsetzen können.“ … Am Ende der Überlegungen, wo soll die Flab angesiedelt werden: … doch
lieber den Kontakt der Erdabwehr zu den Fliegern behalten, und nicht zur Artillerie. Erdabwehr muss jede neue Entwicklung
der Fliegerwaffe sofort kennen und sich darauf einstellen. Eine Ausbildung der Erdabwehr ist ohne Unterstützung der
Flieger gar nicht möglich. Beide Waffen müssen unter einem gemeinsamen Vorgesetzten stehen. Wichtig sei ein einheitliches Offizierskorps.
Schlussfolgerungen: Sämtliche Kräfte … für die Sicherstellung eines Landesluftschutzes … sollen
unter eine einheitliche Leitung gestellt werden. Beigegeben sind gleichartige Anträge der Artilleriekommission (21.6.1935 Thun) und der eidg. Luftschutzkommission (28.11.1935)
Angehängt ist eine Auflistung der Luftschutzorganisationen im europäischen Ausland: nur organisatorische und finanzielle
Aspekte, keine technischen Fragen der Ausrüstung.
Zu finden ist der volle Wortlaut des „Memorials Luftschutz“ unter den neuen Seiten von Walter
Dürig: www.wrd.ch, dort unter FF Truppen, bis 1948.
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Vergleich von Denkschrift Flugabwehr und Memorial Luftschutz:
Zwei führende Köpfe machen sich im selben Jahr 1935 mit dem damaligen Wissen Gedanken zur
Zukunft der Luftabwehr – eine interessante Ausgangslage!
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Sowohl der Techniker wie auch der Generalstabsoffizier sind sich beide der riesigen Bedrohung klar
bewusst, welche von den überraschenden, kaum zu verhindernden und jederzeit möglichen Luftschlägen auch tief im Landesinneren ausgeht. Sechs Jahre vor Pearl Harbor sehen beide, dass mit
grauenhaften Katastrophen gerechnet werden muss. Die Luftabwehr ist kein Nebenschauplatz.
Auch im ersten Weltkrieg sind schon Bomben auf London gefallen, getragen durch grosse Gotha-Doppeldecker.
Der ETH-Professor F. Fischer zeigt anhand der fehlenden Minuten, dass die Luftwaffe ohnehin keine
Chance hat, solche Luftschläge zu verhindern. Das Thema ist sofort vom Tisch, darüber muss man
sich gar nicht mehr unterhalten.
Einzige Chance ist deshalb eine weitreichende Kanonen-Flab – und hier versagen sämtliche Feuerleitrechner beim Kurvenflug. Es ist deshalb dringend eine neue Technik zu studieren, wie der Flugweg schon vor dem Schuss besser in die Zukunft extrapoliert werden kann. Mit etwas luftigen Vorstellungen geht Fischer mit seinen Ideen sogar weiter als die noch nirgends realisierte KurvenflugExtrapolation – er möchte gleich alle möglichen zukünftigen Kurven voraussehen können, die das
Flugzeug noch machen kann: eine interessante, gewagte, aber fast nicht realisierbare Idee. Die Vorstellung eines am Rechner angeschlossenen Sekundär-Cockpits am Boden mit Steuer und Gashebel
zur Simulation der noch möglichen Kurven und der vom Feindflugzeug noch erreichbaren Punkte soll
mithelfen, ein Schiessen zu verhindern, wenn kein Erfolg mehr möglich ist – eine originelle Idee, die
eher undeutlich und nicht sehr verständlich formuliert wird. Der Rechenaufwand steigt nochmals.
Der Generalstabsoffizier H. Bandi spricht von organisatorischen Aspekten der zukünftigen Luftwaffe
und der Fliegerabwehr. Es soll ein einheitliches Kommando geben. Gelegentlich spürt man, dass
Bandi sorgfältig formuliert, weil es heikel ist und viele Interessen zu berücksichtigen sind – ein Tanz
wie auf rohen Eiern (Fischer spürt so etwas überhaupt nicht, er formuliert kompromisslos und rücksichtslos). Dass die Luftwaffe zeitlich keine Möglichkeit zu einer wirkungsvollen Abwehr hat, wird
auch im „Memorial“ gesagt (Zitat siehe oben), aber das verklingt ganz ohne Konsequenzen. Von
technischen Fragen wie Treffmöglichkeiten und Zielverfahren der schweren Flab-Kanonen ist (abgesehen von der Flughöhe) nicht die Rede – hingegen spürt man deutlich, dass Bandi instinktiv selber
nicht richtig „an die komplizierten Kommandogeräte“ glaubt. Wenn aber die Flieger keine Zeit haben,
aufzusteigen, und die schwere Kanonen-Flab wegen „komplizierter Geräte“ kaum in Frage kommt,
so bleibt ein grosses, offenes Loch übrig, das im Klartext nie angesprochen wird. Es müsste demzufolge heissen: Die Flugabwehr funktioniert zumindest für hochfliegende Bomber überhaupt nicht.
Dass sich mit der vor allem auszubauenden „leichten Erdabwehr mit Kleinkaliber-Geschützen“ hohe
Bomberverbände sicher nicht bekämpfen lassen, ist natürlich klar. Die erkannte Gefahr bleibt ohne
technische Bekämpfungsmöglichkeit – und der Vorschlag von F. Fischer (Ende 1935 sicher allen massgeblichen Stellen dank persönlicher Gespräche bereits bekannt) bleibt ohne Wirkung.
Als blosse Vermutung (durch zwei Tage Kontakt zwischen F. Fischer und den Militärbehörden im Jahre 1935 belegt) könnte
ev. erwogen werden: womöglich hat Fischer schon im Sommer 1935 derart intensiv gewirkt, dass es einigen Leuten bereits
im Kopf sturm oder unwohl geworden ist angesichts der neu zu entwickelnden Kurvenflug-Rechnung. Technisch sind die
Kommandogeräte derart komplex, dass sie schon vom Zeitbedarf her durch hohe Kommandostellen kaum mehr studiert
werden können.
Umgekehrt und zur Entlastung von H. Bandi: Man will zuerst etwas aufbauen, es ist noch gar keine
Fliegerabwehr vorhanden – und schon kommen Forderungen nach einer Perfektion, die noch in
keinem Land je realisiert worden ist. Es ist naheliegend, dass zuerst einmal die Möglichkeit geschaffen wird, mit schweren Batterien und einfacheren Kommandogeräten überhaupt zu schiessen.
Gedanken an Verbesserungen sind allenfalls später möglich. Dass gerade die in Flab-Bereichen
rückständige Schweiz eine internationale Premiere und Erstentwicklung machen soll, ist viel verlangt.
Es gibt 1935 noch kein einziges Kommandogerät in der Schweiz, man hat noch gar keine Erfahrung –
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weder im Schiessen noch in der Ausbildung. Da fallen die harschen Forderungen von F. Fischer wohl
nicht gerade auf fruchtbaren Boden.
Die etwas vagen Ideen von F. Fischer über das „Sekundär-Cockpit“, die Simulation der jederzeit noch
möglichen Kurven, und auch die Vorstellung, dass man nicht bloss auf einen errechneten Treffpunkt
schiessen muss, sondern mit einer Vielzahl von Geschützen auf einen ganzen Raum-Bereich, dürften
ev. dazu beigetragen haben, diese Ideen zurückzustellen zugunsten dringenderer Bedürfnisse.
Die Argumente des Prof. Fischers bleiben gültig und sind unwiderlegt, zeigen aber keine Wirkung.
F. Fischer wird den Misserfolg rasch gespürt haben. Allerdings legte er die Hände nicht in den Schoss
– es ist eine geballte Ladung Schaffensdrang am Werk! Innerhalb kurzer Zeit kommen ganz andere,
stets anspruchsvolle Themen auf den Tisch. Das ursprüngliche Anliegen „Vermeiden von Zielfehlern“
wird ganz verlassen, neu will man versuchen, die Zielfehler mindestens zu registrieren und auszumessen, damit die Ausbildung verbessert werden kann, wie es heisst. Dieser Wechsel in der Stossrichtung der ganzen Forschung muss ihn stark geschmerzt haben: die Zielfehler nicht mehr zu verhindern, sondern unverändert zuzulassen und möglichst genau zu beobachten, ist im Grunde genommen keine stolze Aufgabe.
Die vielen, aufeinanderfolgenden Fach-Themen der Contraves-Entwicklungen in derart kurzer Zeit konnten kaum alle
nacheinander erarbeitet und entwickelt werden – man ist versucht zu fragen, ob Fischer als Chef des Institutes für
Technische Physik an der ETH nicht auch etwas Instituts-Forschung für die Contraves verwendet hat. Das konnte bisher
nicht untersucht werden. 1937 hatte die Firma Contraves erst ca. 12 Angestellte.
Was bei der Suche im Internet und in der Universitätsbibliothek Basel ins Auge gesprungen ist, sind umfangreiche Arbeiten
des Institutes für Technische Physik zur Entwicklung des „Eidophors“, eines neuartigen Gerätes zur Grossprojektion von TVBildern. Das hat aber mit der Contraves oder mit der Flugabwehr gar nichts zu tun.
Eckpunkte der weiteren Entwicklung bei Contraves – nach dem Misserfolg der „Denkschrift“:
12. 3.1935, 12.10.1935 Fischer spricht bei Bundesrat Minger (EMD) und bei Oberst Fierz der KTA über die Zielverfahren
31.12.1935
Denkschrift über die aktive Flugabwehr. Das EMD lehnt die Beteiligung an der Studiengesellschaft ab.
20. 3.1936
Gründung der Contraves AG, ab 1.5.36 Geschäftsaufnahme
5. 8.1936
Erste Patent-Anmeldung der Contraves zur Datenverzögerung auf Stahlband (beim Oionoskop gegebraucht). Es wird ein ganzes Sammelsurium unterschiedlicher Verzögerungsarten aufgezählt!
Bild links: Im ersten Patent wird vorgeschlagen, mit drei unterschiedlichen Zeichenfolgen 3, 4, 5 (von oben) je eine andere Frequenz zu modulieren, die Summe sei
auf einem Träger abzuspeichern; beim
Lesekopf wird mit Filtern und Gleichrichtern (29, 30) wieder voneinander getrennt.
Bild rechts: Blick in die Oionoskop-Zentrale
mit dem Stahlband-Verzögerer (grosses
Rad). Die Schreibköpfe sind ortsf